Wie Stress im Studium möglichst vermeiden?

 Kernaussage:  Der Text verarbeitet die persönlichen Erfahrungen, die ich während meines Studiums gemacht habe. Er ist noch nicht ganz fertig.

 

Bezüglich der psychischen Gesundheit von Studierenden gibt es beunruhigende Meldungen:

 

"Die Ergebnisse des fünften Mental-Health-Barometers [2025] zeichnen ein klares Bild: 56,7 Prozent der 6.080 Befragten geben an, dass es ihnen in den vergangenen 14 Tagen weniger gut oder schlecht gegangen ist – ein neuer Höchstwert seit Beginn der Erhebung 2021. ... Über zwei Drittel (67,1 %) fühlen sich durch ihr Studium ziemlich bis sehr gestresst. Hoher Arbeitsaufwand, Prüfungsdruck, psychische Belastungen und finanzielle Sorgen zählen zu den größten Stressoren. Mehr als die Hälfte berichtet zusätzlich, dass aktuelle Weltgeschehnisse wie Inflation oder geopolitische Krisen ihre mentale Gesundheit spürbar beeinträchtigen." (www.presseportal.de/pm/177688/6203559, 30.05.26)

 

"Schätzten damals [2015] noch 84 Prozent der Studierenden ihren Gesundheitszustand insgesamt als sehr gut und gut ein, sagen dies 2023 nur noch 61 Prozent. ... Der Anteil jener, die sich häufig gestresst fühlen, hat sich innerhalb von acht Jahren von 23 Prozent auf 44 Prozent erhöht und damit fast verdoppelt. Prüfungen, Mehrfachbelastungen durch Studium oder Arbeit und finanzielle Sorgen setzten Studierende stark unter Druck."

(www.tk.de/lebenswelten/gesunde-hochschule/studien-und-analysen/gesundheitsreport-2023-studierendengesundheit--2151494?tkcm=ab, 30.05.26)

   

Wie kann allzu großer Stress im Studium vermieden werden?

Zur Vermeidung von Stress gibt es zwei Hauptregeln:

  • Wer keine Zeit zu verlieren hat, sollte ganz bedächtig vorgehen.
  • Stress muss man möglichst wegorganisieren.

Die erste Regel bedeutet, dass Fehler extra Zeit kosten. Wer unter Stress steht sollte darüber nachdenken, welche Fehler jetzt auf keinen Fall passieren dürfen. Diese würden den Stress zusätzlich erhöhen und zu einer Katastrophe führen. Gleichzeitig sollte man darüber nachdenken, welche Ursachen es für den Stress gibt und das Leben dann so organisieren, dass die Ursachen vermieden werden (soweit wie möglich). Sich nur ganz fest vornehmen nicht in Stress zu kommen, ist nicht erfolgreich.

 

Wenn mich das Studium stresst, habe ich zwei Möglichkeiten:

  1. Ich versuch abends abzuschalten und den Stress zu vergessen. Dann wird aber der Stress am nächsten Tag genauso wieder da sein.
  2. Ich versuche den Stress zu verstehen und kleine Sachen zu ändern. Wenn ich dann kleine Erfolge habe, gibt mir das Mut.

Was sind die möglichen Gründe für Stress im Studium?

  1. Ich weiß nicht, wie ich richtig lernen soll.
  2. Ich habe das falsche Zeitmanagement.
  3. Lehrende sind verantwortlich für Stress.
  4. Persönliche Lebensumstände verursachen Stress.

1. Was muss ich beim Lernen im Studium beachten?

 

Wünschenswert wäre, dass in einem Studium immer das "Verstehendes Lernen" (s. u.) angewendet wird. Dazu fehlt aber oft die Zeit.

 

"In letzter Zeit wird immer wieder beklagt, Studiengänge seien überfrachtet durch Inhalte und durch Prüfungen. … Das Curriculum [der Lehrplan] muss die Frage beantworten: 'Was ist wert, gewusst zu werden?' Nur so wird Lehre ihrer Aufgabe gerecht, die Einordnung von Fakten und Wissen in Gesamtzusammenhänge zu vermitteln und so das eigenständige Denken zu lehren." (https://web.archive.org/web/20220327064348/http://www.stifterverband.com/forum-hochschulraete/update/update_2013-02/schwerpunktthema/lange/index.html, 31.05.26)

 

Wenn ich also in einer Vorlesung sitze, sollte ich mich ständig fragen: "Was ist wichtig und was ist nicht so wichtig? Was muss ich fürs Leben lernen und was nur für die Klausur?" Das Wichtige sollte nach der Vorlesung kurz vertieft werden (siehe nächste Frage).

 

2. Was ist das richtige Zeitmanagement für ein Studium?

 

Normalerweise besuchen Studierende ein Semester lang eine Vorlesung und vor der Prüfung wiederholen sie intensiv den präsentierten Stoff.  Dies kann vor einer Prüfung sehr großen Stress verursachen und ist auch nicht sehr effektiv, wenn man das Ziel hat, den Stoff gut zu verstehen und lange im Gedächtnis zu behalten.

 

Besser ist es "verteilt" zu lernen: etwas nicht 8-mal an einem Tag lernen, sondern zweimal pro Tag über 4 Tage. Das heißt, etwas immer wieder auffrischen ist besser, als versuchen alles auf einmal zu lernen. Studierende sollten also nach jeder Vorlesung 20 - 30 Minuten investieren, um sich den Stoff noch einmal anzusehen (eine wichtige Frage dabei ist: Wofür kann ich den Stoff anwenden?). Am Ende meines Studiums habe ich das selber so gemacht und es hat meinen Stress reduziert. Ich hatte mir das Ziel gesetzt, ich arbeite jeden Wochentag 8 Stunden für das Studium, so wie bei einer normalen Arbeit.

 

Meiner Erfahrung nach gilt: 1 Stunde kann man sich bei schwierigem Stoff gut konzentrieren, dann sollte man eine Pause machen.

 

3. Können auch Lehrende verantwortlich für Stress sein?

 

Bei vielen Eigenschaften und Verhaltensweisen von Menschen gibt es zwei gegensätzliche Extreme, wobei die meisten Menschen zwischen den Extremen liegen.  

Prof. em. Dr.-Ing. Klaus Ehrlenspiel war 20 Jahre Leiter des Lehrstuhls für Konstruktion im Maschinenbau an der TU München. Er beschreibt die beiden Extreme, die für die Lehre an Hochschulen existieren:

 

"Wir (auch mein – Ehrlenspiel – anfängliches eigenes Tun!) stopfen Studierenden wie Mastgänse nach der 'Nürnberger Trichter-Methode' mit Fakten voll. … Diese sind nur auswendig gelernt und nicht am Praxisbeispiel problemlösend per 'trial an error' verinnerlicht. In einer dafür geeigneten Prüfung werden sie dann wieder 'erbrochen' und anschließend vergessen. Wie sollen sie später in der Praxis wirksam werden? – Etwas mehr wissenschaftlich formuliert, geht es darum, …" (Ehrlenspiel, K., Meerkamm, H. (2013). Integrierte Produktentwicklung – Denkabläufe, Methodeneinsatz, Zusammenarbeit. München, Wien: Carl Hanser Verlag, S. 155)

 

Seine im Anschluss an das Zitat gemachten wissenschaftlichen Aussagen lassen sich so zusammenfassen: Die Studierenden sollen: - praxisnah üben, - selbstständig experimentieren, - diskutieren und präsentieren, - Fehler machen dürfen und - Erfolge erleben.

 

"… Das braucht Zeit, die man sich als Dozent verschaffen kann, wenn man auf einen erheblichen Teil des Stoffes verzichtet und nur exemplarisches, wichtiges Wissen und Können vermittelt." (Ehrlenspiel, K., Meerkamm, H. (2013). Integrierte Produktentwicklung – Denkabläufe, Methodeneinsatz, Zusammenarbeit. München, Wien: Carl Hanser Verlag, S. 155)

 

Die allermeisten Lehrenden liegen mit ihrer Lehre zwischen diesen beiden Extremen. Aber manchmal präsentieren Lehrende zu viel Stoff und verursachen so Stress bei den Studierenden.

 

Der Wissenschaftsrat, das wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium in Deutschand, sagt:

 

"Die Wissensaneignung ist eine wesentliche Aktivität der Studierenden, die durch unterschiedliche Methoden angeleitet und gefördert werden kann. Dafür ist allerdings Zeit erforderlich. Daher empfiehlt der Wissenschaftsrat, den fachlichen Anforderungen entsprechend die Anzahl der curricular verpflichtenden Lehrveranstaltungen und insbesondere von Prüfungen ggf. zu reduzieren und dadurch mehr Freiräume für Reflexion, die Ausbildung einer forschenden Haltung und vielfältige Studienverläufe zu schaffen." (www.wissenschaftsrat.de/download/2022/9699-22.pdf?__blob=publicationFile&v=13, 30.03.23, S. 29-30)

 

4. Stress durch persönlichen Lebensumstände

 

Wer arbeiten muss, um sein Studium zu finanzieren, ein Kind erziehen oder Angehörige pflegen muss, der ist natürlich doppelt belastet. Wenn dadurch das Studium länger dauert oder die Noten nicht so gut sind, dann wird das jeder verstehen.

 

Welche Art von Wissen sollen sich Studierende im Verlauf des Studiums aneignen?

Viele Studierende glauben, dass es darum geht, nach einem Studium möglichst viel Wissen erinnern zu können. Das Wissen soll breit und tiefgehend sein. Anders ausgedrückt bedeutet das, man soll auf möglichst vielen Gebieten möglichst viel Wissen haben. So formuliert, kommen Zweifel auf, ob das überhaupt machbar ist. Das menschliche Gehirn ist keine Festplatte, die "unendlich" viele Details speichern kann (siehe auf Learn-Study-Work "Wie lernen?").

 

Es gibt drei Stufen von Wissen: oberflächliches Wissen, verstehendes Wissen und Expertenwissen. Die Grenzen zwischen diesen drei Stufen sind fließend.

Arten - Stufen von Wissen - oberflächliches - verstehendes - Expertenwissen - www.learn-study-work.org

"Biggs (1987) unterschied zwischen drei Hauptansätzen [des Lernens], nämlich dem tiefgehenden, dem erfolgsorientierten und dem oberflächlichen Lernen. Tiefgehende Lerner sind intrinsisch motiviert und haben Spaß daran, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Auf der anderen Seite sind erfolgsorientierte Schüler extrinsisch motiviert und wollen aufgrund der Belohnungen, die mit einer großen Leistung verbunden sind, gut abschneiden. Schließlich sind Oberflächenlerner daran interessiert, nur die unabdingbaren Fakten zu lernen und investieren minimalen Aufwand, um dies zu erreichen." (Chamorro-Premuzic, T., & Furnham, A. (2008). Personality, intelligence and approaches to learning as predictors of academic performance. Personality and Individual Differences 44, S. 1597)  

 

Welcher Lernansatz sinnvoll ist, ist nicht nur eine Frage der Motivation, sondern hängt vor allem davon ab, welches Ziel ich erreichen möchte. Deshalb habe ich die Namen für die Ansätze geändert.

 

1. Oberflächliches Lernen

Ich muss eine Prüfung bestehen, aber ich habe nicht die Zeit, viel dafür zu lernen, oder das Fach ist mir nicht wichtig und ich will nur die Prüfung bestehen. Dann macht oberflächliches Lernen Sinn. Ich lerne alle Fakten und Regeln auswendig und verstehe sie nur so weit, dass ich sie in der von der Prüfung geforderten Situation anwenden kann. Dieses "Oberflächenwissen" werde ich nach der Prüfung schnell wieder vergessen.

2. Verstehendes Lernen (kompetenzorientiertes Lernen)

Ich muss für eine Prüfung lernen und möchte eine gute Note bekommen. Dann versuche ich, das Thema zu verstehen, weil ich in der Lage sein muss, das Wissen in der Prüfung auf mehrere verschiedene Situationen anzuwenden. Dieses "verstehende Wissen" kann ich mir eine Zeit lang merken. (Wenn ich es nicht wieder anwende, werde ich es eines Tages vergessen.) "Verstehendes Wissen" wird als Kompetenz bezeichnet.

 

3. Experten-Lernen

Wenn ich ein Thema tiefgehend verstehen möchte, wende ich mein Wissen zu diesem Thema auf viele problematische Situationen an. Nach einiger Zeit habe ich so viele Erfahrungen gesammelt, dass mir dieses "Expertenwissen" lange in Erinnerung bleiben wird. (siehe auf Learn-Study-Work "Wie lernen?" und "Aktives Lernen")

 

Ein Studium ist zu kurz, um in dieser Zeit zu einer Expertin zu werden. Aber das Ziel sollte sein, sich möglichst viel verstehendes Wissen anzueignen (soweit das zeitich möglich ist - kein Stress!!!).

 

„Der erste Studienabschluss vermittelt mit der Berufsbefähigung Rüstzeug für den Berufseinstieg, nicht aber für ein ganzes Berufsleben. Hochschulabsolventen müssen deshalb so studieren, dass sie weiterbildungsfähig sind, um sich selbst in der Wissenschaft und im Beruf weiter zu orientieren und zu qualifizieren." (https://web.archive.org/web/20220327064348/http://www.stifterverband.com/forum-hochschulraete/update/update_2013-02/schwerpunktthema/lange/index.html, 31.05.26)

  

Gibt es Studierende, die schon im Studium zu Expertinnen werden wollen?

 

Ist Perfektionismus schuld am Stress?

Studie: Perfektionismus nimmt immer mehr zu. 

 

"Zeitübergreifende Metaanalysen von 307 Stichproben mit insgesamt 82.939 amerikanischen, kanadischen und britischen Studierenden ergaben, dass selbstorientierter Perfektionismus, die Angst vor Fehlern und Zweifel an eigenen Handlungen linear zunahmen. ... Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass Studierende andere zunehmend als übermäßig anspruchsvoll wahrnehmen, während sie gleichzeitig höhere Ansprüche an sich selbst stellen, begleitet von wachsender Unentschlossenheit, Unsicherheit und Sensibilität gegenüber Fehlern." (www.apa.org/pubs/journals/releases/bul-bul0000518.pdf, S. 255, 30.05.26)

 

Sind die Studierenden selber Schuld an ihrem "selbstorientierten Perfektionismus" oder sind es "anspruchsvolle andere", die diesen Perfektionismus auslösen?

 

Ich bin selber Perfektionist und habe deshalb darüber nachgedacht, ob es überhaupt möglich ist, etwas perfekt zu machen. Mein Ergebnis: "Perfect is impossibel". Jede Arbeit lässt sich mit mehr Einsatz immer noch geringfügig weiter verbessern. Das Ziel eines wirklichen Perfektionisten ist, etwas effizient zu machen, d. h. in der zur Verfügung stehen Zeit ein optimales Ergebnis zu erreichen. Ein optimales Ergebnis ist nie ein "perfektes Ergebnis" (siehe auf Learn-Study-Work "Ziele setzen").

 

Stress entsteht, wenn eigene oder von anderen gesetzen Ziele in der zur Verfügung stehenden Zeit mit einem gesunden Einsatz nicht erreicht werden können.

 

Muss man Angst haben, nach dem Studium keinen guten Arbeitsplatz zu finden?

 

 

Fortsetzung folgt ...

 

 

Lesen Sie auf Learn-Study-Work: "Wie studieren und lernen Probleme zu lösen" und "Wie zufrieden leben ohne psychische Probleme"