Die Einleitung eines Textes

Kernaussage: Die Einleitung soll dem Leser eine Idee von dem Inhalt und dem Stil eines Textes vermitteln.

 

Zur Einleitung eines wissenschaftlichen Textes siehe auf Learn-Study-Work "Die wissenschaftliche Einleitung".

 

Jede Textsorte hat ihre eigene Art einer Einleitung

Ein Text ist die Folge schriftlicher Sprachzeichen, die mindestens eine Aussage haben. Alle veröffentlichen Texte werden als Literatur bezeichnet. Die Literatur lässt sich nach verschiedenen Kriterien in Gattungen einteilen. Inhaltlich erfolgt die Einteilung in fiktionale Literatur (literarische Texte), Sachtexte/Sachbücher und andere Literatur (siehe auf Learn-Study-Work "Was ist Literatur?").

 

Die Sprachwissenschaftler ordnen gleichartige Texte in Gruppen ein, die als Textsorten bezeichnet werden. Eine Textsorte ist also eine Menge von Texten, die in wichtigen Merkmalen übereinstimmen.

 

Damit ein längerer Text gut zu verstehen ist, muss er eine klare Struktur haben. Das heißt, er wird in Teiltexte unterteilt und diese werden hierarchisch (in Kapitel und Unterkapitel) und logisch (in der richtigen Reihenfolge) geordnet (siehe auf Learn-Study-Work "Die Gliederung eines Textes").

 

Längere Texte haben prinzipiell die Struktur "Einleitung - Hauptteil - Schluss". Prinzipiell bedeutet, dass die Texte diese Teile haben, aber dass die Teile nicht so heißen müssen. Kurze Texte haben diese Struktur nicht oder nur andeutungsweise.

 

Texte einer Textsorte haben übereinstimmende Merkmale. Das gilt auch für ihre Einleitung. mehr oder weniger. So sind z. B. die Einleitungen von wissenschaftlichen Artikeln in ihrer Art sehr ähnlich, weil alle die Wichtigkeit, das Ziel und ganz kurz die Vorgehensweise der Arbeit beschreiben. Die Einleitung eines Romans kann sich hingegen deutlich von anderen Romanen unterscheiden.

 

Es ist hier nicht möglich zu zeigen, wie bei allen Textsorten die Einleitung geschrieben wird. Es wird nur allgemein auf die Einleitungen von Sachtexten/Sachbüchern und literarischen (fiktionalen) Texten eingegangen.

 

Die Einleitung von Sachtexten

Zu den Sachtexten gehören z. B. Lerhbücher, Berichte, Bewerbungen, Erörterungen, Zusammenfassungen, Interpretationen, aber auch Nachrichten, Gesetze, Werbetexte, Gebrauchsanweisungen oder Fahrpläne. Einige von diesen Textsorten haben eine Einleitung, andere nicht.

 

Bei Sachtexten hat die Einleitung die Hauptfunktion, die Leser über den Inhalt des Textes zu informieren. Wie entscheidet eine Leserin, ob sie einen Text lesen will oder nicht? Als erstes liest sie den Titel, dann prüft sie, welche weiteren Informationen vorhanden sind: Gibt es ein Inhaltsverzeichnis, eine Zusammenfassung (Abstract), eine Einleitung oder einen Informationstext, wie z. B. auf der Rückseite eines Buches?

 

Wenn eine Einleitung vorhanden ist, dann will sie durch diese möglichst präzise und kurz über den Inhalt des Sachtextes informiert werden. Die Einleitung muss die W-Fragen beantworten: Was? Wann? Wie? Wo? Wer? Warum? Welche von diesen Fragen beantwortet werden müssen, hängt von der Textsorte ab.

 

Die zweite Funktion einer Einleitung ist, der Leserin zu sagen aus welchem Blickwinkel bzw. mit welchem Nutzen der Inhalt geschrieben wurde (warum wurde der Text geschrieben?). Ein Buch über eine Sportart kann diese loben oder kritisieren (z. B. wegen zu großem Leistungsdruck). Es muss auch gesagt werden, ob es sich um ein Buch für Experten oder Laien handelt. Die Einleitung darf aber keine Ergebnisse oder Schlussfolgerungen vorwegnehmen. Das wäre so, als ob bei einem Krimi der Mörder in der Einleitung verraten wird. Die Ergebnisse und Schlussfolgerungen werden im "Schluss" eines Sachtextes zusammengefasst.

 

Die meisten Einleitungen zu Sachtexten beginnen mit der Antwort auf die Frage "Warum wurde dieser Text geschrieben?" bzw. "Warum ist es nützlich diesen Text zu lesen?" und sagen erst dann, was in dem Text steht.

 

Beispiel:

"Die Interpretation ist in den letzten Jahren wieder in den Mittelpunkt der literaturwissenschaftlichen Reflexion gerückt. … Nicht nur zahlreiche Schriftsteller, auch Literaturwissenschaftler machen sich systematisch Gedanken über den Gebrauchswert der Literatur … Ausgangspunkt [dieses Buches] ist die Frage nach dem Nutzen der Literatur und der Literaturinterpretation …" (Schutte, J. (1993). Einführung in die Literaturinterpretation, Stuttgart, Weimar: Verlag J. B. Metzler)

 

Die dritte Funktion ist, zu zeigen in welchem Stil der Sachtext geschrieben wurde. Das heißt, die Leserin soll schon an der Einleitung erkennen, ob z. B. der Text nur einfache Begriffe benutzt oder auch schwierige, ob er ganz sachlich geschrieben ist oder auch eine humorvolle Seite hat. Der Stil der Einleitung muss also zu dem Stil des gesamten Textes passen (der Stil kennzeichnet die Art und Weise wie man etwas tut).

 

Beim Schreiben einer Einleitung ist es wichtig sich darüber im Klaren zu sein, dass es erstmal darum geht keine schlechte Einleitung zu schreiben. Ein Sachtext wird immer zuerst danach beurteilt, wie gut sein Hauptteil ist (ich kenne keinen Sachtext, der wegen seiner Einleitung berühmt geworden ist). An die Einleitung erinnern sich die Leser nur, wenn dort ein ganz besonderer Satz steht. Aber um solch einen Satz zu formulieren, muss man schon ein sehr gutes Fachwissen haben, sonst macht man sich lächerlich.

 

Beispiel: Die einfache Einleitung zu einen berühmten Sachtext

Einstein veröffentlichte 1916 in den "Analen der Physik" seinen Text "Die Grundlage der Allgemeinen Relativitätstheorie". Als Einleitung schreibt er:

 

"Die im nachfolgenden dargelegte Theorie bildet die denkbar weitgehenste Verallgemeinerung der heute allgemein als "Relativitätstheorie" bezeichneten Theorie; die letztere nenne ich im folgenden zur Unterscheidung von der ersteren "spezielle Relativitätstheorie" und setze sie als bekannt voraus. ... Ich habe im Abschnitt B der vorliegenden Abhandlung alle für uns nötigen, bei  dem Physiker nicht als bekannt vorauszusetzenden mathematischen   Hilfsmittel in möglichst einfacher und durchsichtiger Weise entwickelt, so daß ein Studium mathematischer Literatur für das Verständnis der vorliegenden Abhandlung nicht erforderlich ist." (https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1002/andp.19163540702, 13.01,23)

 

Wer sich für die Relativitästheorie interessiert und sie versteht, dem wird durch diese Einleitung klar, dass dies ein interessanter Sachtext sein könnte.

 

Die Einleitung von literarischen Texten

Literarische Texte haben, auch wenn sie länger sind, meistens keine klare Einteilung in Einleitung - Hauptteil - Schluss. Man kann die ersten Sätze eines Werkes als Einleitung ansehen und die letzten Sätze als Schluss.

 

Ein Theaterstück ist aus Szenen aufgebaut, ein literarischer Text aus der Beschreibung von Situationen und Ereignissen, wobei aus der Abfolge der Ereignisse die Handlung entsteht (siehe auf Learn-Study-Work "Literatur interpretieren"). Es gibt auch literarische Texte, in denen gar kein Ereigniss vorkommt, wie z. B. in einem Gedicht, das einen geliebten Menschen beschreibt.

 

Eine Situation und ein Ereignis bestehen immer aus verschiedenen Element, die miteinander in Beziehung stehen. Bei den Elementen kann es sich um Dinge oder Lebewesen handeln.

 

Beispiel:

Die Ballade "Der Erlkönig" von Goethe beginnt so:

"Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind; ..."

Es wird die Situation beschrieben, wie ein Vater mit seinem Kind durch die Nacht reitet. Die Elemente, aus denen die Situation besteht, sind: der Vater, das Kind, das Pferd, die Nacht und der Wind. Der Vater tut etwas, nämlich reiten, aber das ist kein Ereignis. Ein Ereignis ist dagegen, als der Sohn den Erlkönig sieht, denn dies ist der Beginn der Handlung.

 

Die Leser können ein Ereignis nur verstehen, wenn es vorher (oder auch hinterher) durch die Beschreibung der Ausgangssituation vorbereitet wird. Es wäre ziemlich ungewöhnlich, wenn der Erkönig mit diesem Satz anfangen würde: "Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?" Dann müsste die Situation, in der dieser Satz gesagt wird, hinterher erklärt werden.

 

Ein literarischer Text beginnt also im Normalfall mit der Beschreibung einer Situation, weil ein solcher Text Spannung erzeugen oder ein lehrreiche Aussage vermitteln will, die der Leser selber herausfinden soll. Der Inhalt und der Nutzen des Text kann deshalb zu Beginn des Textes nur angedeutet werden, weshalb so eine Angabe oft weggelassen wird. (Bei der Unterhaltungsliteratur besteht der Nutzen in der Unterhaltung.)

 

Beispiele: Hier die ersten Sätze einiger berühmter literarischen Werke ohne gesonderte Einleitung:

 

"Ratschluss der Götter, dass Odysseus, welchen Poseidon verfolgt, von Kalypsos Insel Ogygia heimkehre. ... " ("Odyssee" von Homer)

 

"Ich bin geboren zu York im Jahre 1632, als Kind angesehener Leute, die ursprünglich nicht aus jener Gegend stammten. ... " ("Robinson Crusoe" von Daniel Defoe)

 

"Nun, Fürst, hat die Familie Bonaparte auch Genua und Lucca in Besitz genommen? ... " ("Krieg und Frieden" von Lev Tolstoi)

 

"Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt. ... " ("Der Unteran" von Heinrich Mann)

 

Und hier Werke mit einer Art Einleitung:

 

"Vorwort

Müßiger Leser, Du wirst mir auf mein Wort glauben, dass ich wünschte, dies Buch, als das Kind meines Geistes, wäre das schönste, das glänzendste und geistreichste, das man sich denken kann. Ich habe mich jedoch dem Naturgesetz nicht zu entziehen vermocht, nach welchem jedes Ding Seinesgleichen hervorbringt. Was konnte mein unfruchtbarer, ungebildeter Kopf anderes schaffen, als die Geschichte eines trocknen, verschrumpften und wunderlichen Gesellen, der mit seltsamen Gedanken vollgepfropft ist, ..." (Don Quijote" von Miguel de Cervantes)

 

"Prolog im Himmel

DER HERR

Kennst Du den Faust ...

Wenn er mir auch nur verworren dient,
So werd ich ihn bald in die Klarheit führen. ...

Mephistopheles

Was wettet Ihr? den sollt Ihr noch verlieren! ...

DER HERR

Es irrt der Mensch so lang er strebt. ...

Ein guter Mensch, in seinem dunklen Drange,
Ist sich des rechten Weges wohl bewußt. ...

Mephistopheles

Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,
So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen." ("Faust" von Goethe)

 

An den Einleitungsätzen der Werke ohne besondere Einleitung sieht man, dass eine Situation durch die W-Fragen beschrieben wird: Wer ist beteiligt? Was tun die Beteiligten bzw. was passiert gerade? Wann, wo, wie, warum tun sie das bzw. passiert es? Natürlich müssen bei der Beschreibung einer Situation nicht alle Fragen beantwortet werden, sondern nur die für das Werk wichtigen.

 

Die beiden Werken mit einer Einleitung beginnen hervorragend: Miguel von Cervantes hat einen Sinn für Humor und Goethe macht schon im Prolog außergewöhnliche Aussagen. Beide deuten den Inhalt ihres Werkes nur an. Gleichzeitig bekommen die Leser eine Idee von dem Stil, in dem das Werk geschrieben ist (der Stil der Einleitung muss zu dem Stil des Werkes passen).

Die Einleitung eines Textes - Sachtexte - Sachbücher - literarische Texte - www.learn-study-work.org

Wie muss also eine Einleitung geschrieben werden?

Eine Einleitung muss zum Inhalt und zum Stil eines Textes passen. Man muss daher den Inhalt seines Textes vollkommen verstanden haben. Was bedeutet das?

 

Angenommen ich habe zu einem Thema einen Text geschrieben. Dann muss ich mich fragen, ob der Text auch das aussagt, was mein Ziel war (beantwortet er meine Ausgangsfrage?). Ich muss mich also in die Lage eines Lesers versetzen, den Text analysieren und dann eine Schlussfolgerung ziehen auf das Wesentliche an dem Text (seine Kernaussage). Diese Kernaussage muss mit meinem Ziel übereinstimmen.

 

""Eine Analyse ... ist eine systematische Untersuchung, bei der das untersuchte Objekt in seine Bestandteile (Elemente) zerlegt wird. ... Gegenbegriff zu Analyse ('Auflösen in Einzelbestandteile') ist Synthese ('Zusammensetzen von Elementen zu einem System ')." (https://de.wikipedia.org/wiki/Analyse, 24.11.21)

 

Die Schlussfolgerung aus der Analyse kann auch als Synthese bezeichnet werden (siehe auf Learn-Study-Work "Wie analysieren"). Das Schwierige an der Schlussfolgerung ist, dass das "Ganze" mehr ist als die Summe seiner Teile. Man muss abstrahieren können und zusätzlich auf den Blickwinkel achten, mit dem man auf die Teile sieht, weil sich bei unterschiedlichen Blickwinkeln auch unterschiedliche "Ganze" ergeben (sehen die Leser meinen Text mit den gleichen Augen wie ich?).

 

Beispiel: Wenn man versteht, dass es bei Faust um den Sinn des Lebens geht, dann versteht man auch, warum DER HERR sagt: "So werd ich ihn bald in Klarheit führen."

 

Einfach gesagt: Wenn ich weiß, was das Wichtige an einem Text ist, dann kann ich zu ihm auch eine gute Einleitung schreiben.

 

Ich muss dabei aber berücksichtigen, dass jede Textsorte ihre eigenen Regeln hat. Wenn ich weiß, zu welcher Textsorte mein Text gehört, dann sollte ich mich über diese Regeln informieren und mir auch mehrere Beispiele ansehen von Einleitungen dieser Textsorte. Auch bezüglich des Stils der Einleitung kann ich mich an diesen Beispielen orientieren.