Wie lernen - Experten/Anfänger?


Kernaussage: Experten lernen anders als Anfänger. Sie organisieren ihr Wissen um "grundlegende Ideen" herum. So verstehen und erinnern sie die Zusammenhänge besser.

 

Was ist Lernen?

Lernen ist die Aneignung von Wissen oder Fähigkeiten. Bei den Fähigkeiten kann es sich um geistige oder motorische Fähigkeiten handeln. Zu den geistigen Fähigkeiten gehören z. B. analytisch-kreatives Denken, sprachliche und soziale Fähigkeiten.

 

Bezüglich Wissen hat Lernen zwei Ziele:

  1. Wir wollen uns an etwas erinnern können.
  2. Wir wollen etwas verstehen und anwenden können.

Es gibt drei Arten etwas zu lernen:

  1. Durch Fühlen (Emotionen): Wenn ich mich einmal am Feuer verbrannt habe, dann werde ich das nie wieder vergessen.
  2. Durch Üben (etwas wiederholen bzw. anwenden)
  3. Durch Erklären: Anknüpfen von Neuem an Bekanntem (dadurch wird das Neue verstanden und das Bekannte wiederholt): "Alles neu zu Lernende muss bei jedem Schüler an Bekanntem festgemacht werden ..." (https://core.ac.uk/download/pdf/14510119.pdf, S. 13, 21.02.24)

Wir können wir etwas lange erinnern?

Wenn wir etwas gelernt haben, dann wollen wir es nicht gleich wieder vergessen. Aber das Vergessen ist ein natürlicher Prozess:

 

"Vergessen ist ein wichtiger ... Prozess, der von unserem Hirn aktiv gesteuert wird. Anders wären die fortlaufenden Veränderungen und die enormen Informationsmengen, die ständig auf uns einströmen, nicht organisierbar. ... Vergessen bedeutet, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen [das Unwichtige wird vergessen] ... " (www.br.de/wissen/vergessen-gehirn-strategie-filter-100.html, 05.11.2021)

 

Was können wir tun, damit wir das Gelernte nicht gleich wieder vergessen?

 

"Wie speichert man Information so, daß sie auch behalten wird?

- Übung
- Verteiltes Lernen
- Elaboration [= etwas verarbeiten]
- Gedächtnisstützen

... Elaboration [verarbeiten/verstehen] ist entscheidend" (www.allpsych.uni-giessen.de/thomas/teaching/pdf/G2006/Gedaechtnis2.pdf, 05.11.21)

 

Es ist klar, dass wir durch "Übung" (hier ist mit "üben" das mehrmalige Wiederholen gemeint) eine Sache auswendig lernen und eine gewisse Zeit erinnern können. Vorteilhaft ist dabei, wenn die Übung über einen längeren Zeitraum stattfindet (= verteiltes Lernen", etwas mehrmals über einige Tage verteilt zu wiederholen ist besser, als alles sehr oft an einem Tag zu wiedeholen).

 

Lernen mit "Gedächtnisstüzen" tun wir, wenn wir das zu Lernende kombinieren mit bildlichen, persönlichen, überraschenden, humorvollen oder anderen Informationen. Oft benutzen wir dafür einem Merksatz oder ein aussagekräftiges Bild.

 

Wir lernen Informationen besonders gut, die in Verbindung stehen mit Dingen, die wir aus unserem Alltag kennen. Wenn uns die Dinge dann später im Alltag wieder begegnen, werden wir dadurch an das Gelernte erinnert ("selten gebrauchtes Detailwissen können wir schlecht behalten" s. u.).

 

Wenn wir Methodenwissen erinnern wollen, ist es wichtig, dass wir dieses verstanden haben ("Elaboration = Verarbeiten ist entscheidend").

 

Wie können wir etwas verstehen?

"... wenn wir in einer unberechenbaren Welt leben würden, in der sich die Dinge zufällig oder auf sehr komplizierte Weise änderten, dann wären wir nicht in der Lage, die Dinge zu verstehen. Wir leben aber in einem ... Universum, in dem sich die Dinge zwar ändern, aber nach ... Regeln oder, wie wir sie nennen, nach Naturgesetzen. ... Und so wird es möglich, Dinge herauszufinden." (Sagan, C. (2013). Cosmos. New York: Randon House Publishing Group, S. 41)

 

Wenn wir ein Ding in unserem Universum verstehen wollen, dann müssen wir erkennen, welche Regeln (und Fakten) für dieses Ding gelten (wenn wir verstehen wollen, warum Dinge aus der Höhe auf den Boden fallen, dann müssen wir die Gravitation kennen).

 

Es gibt die großen Regeln in unserem Universum (die Naturgesetze), die für viele Dinge gelten und es gibt die speziellen Regeln, die nur für besondere Dinge gelten. Verstehen können wir ein Ding nur, wenn wir beide Arten von Regeln kennen (die allgemeinen und die speziellen), die für dieses Ding gelten.

 

Beispiel für eine große Regel: die klassische Mechanik

"Die klassische Mechanik beschreibt die Bewegung von Körpern aufgrund äußerer Kräfte. ... Zunächst hat sich die Mechanik in die erdgebundene - und Himmelsmechanik unabhängig voneinander entwickelt. Die bedeutende Leistung von Sir Isaac Newton war die Erkenntnis, dass die Bewegungsabläufe auf der Erde den gleichen Naturgesetzen unterworfen sind wie auch die Bewegung aller Himmelskörper." (https://itp.uni-frankfurt.de/~luedde/Lecture/Mechanik/Intranet/Skript/MechanikSkript.pdf, 20.01.24, S. 1-3)

 

Andere Beispiele für große Regeln ("große Ideen"): die Evolution, die Definition von Gesundheit, die Erklärung der Menschenrechte, ...

  

"Wir wenden uns nun der Frage zu, wie das Wissen von Experten organisiert ist ... Ihr Wissen ist nicht einfach eine Liste von Fakten und Formeln, die für ihren Bereich relevant sind, sondern ihr Wissen ist um Kernkonzepte oder 'große Ideen' [Grundlagen] herum organisiert. ... Das Wissen von Anfängern ist weitaus weniger auf große Ideen ausgerichtet; sie gehen eher an Probleme heran, indem sie nach korrekten Formeln und einfachen Antworten suchen, die zu ihren alltäglichen Intuitionen passen." (National Research Council (2000). How People Learn: Brain, Mind, Experience, and School: Expanded Edition. Washington, DC: The National Academies Press www.nap.edu/read/9853/chapter/5, S. 36 u.49)

 

Da es wenige allgemeine (große), aber sehr viele spezielle (kleine) Regeln gibt, ist es besser, die allgemeinen Regeln sehr gut zu kennen und anwenden zu können und dann zu versuchen, die speziellen Regeln für ein Ding aus den allgemeinen Regeln abzuleiten (aus den Grundlagen die Details ableiten).

 

"In einem Beispiel aus der Physik wurden Experten und kompetente Anfänger (College-Studenten) gebeten, den Ansatz, den sie zur Lösung von Physikproblemen verwenden würden, verbal zu beschreiben. Experten nannten in der Regel das/die wichtigste(n) Prinzip(e) oder Gesetz(e), das/die auf das Problem zutraf(en), zusammen mit einer Begründung, warum diese Gesetze auf das Problem zutrafen und wie man sie anwenden konnte (Chi et al., 1981). Im Gegensatz dazu verwiesen kompetente Anfänger nur selten auf die wichtigsten Prinzipien und Gesetze der Physik; stattdessen beschrieben sie typischerweise, welche Gleichungen sie verwenden würden und wie diese Gleichungen manipuliert werden würden (Larkin, 1981, 1983)." (National Research Council (2000). How People Learn: Brain, Mind, Experience, and School: Expanded Edition. Washington, DC: The National Academies Press www.nap.edu/read/9853/chapter/5, S. 37)

Wie lernen - Wissen in Eisberg-Form - Grundlagen - Details - vergessen - www.learn-study-work.org

Beim Lernen bildet unser Gehirn Verknüpfungen zwischen den schon vorhandenen und den von uns neu aufgenommenen Informationen.

 

"Mit der Entwicklung von Expertenwissen geht das Wissen von einer Sammlung isolierter Fakten zu einem stark integrierten Netzwerk von Informationen ... über" (Persky, A. M., & Robinson, J. D. (2017). Moving from novice to expertise and its implications for instruction. American journal of pharmaceutical education, 81(9), 6065, S. 76, www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5738945/?trk=public_post_comment-text, 09.02.24)

 

Wie sollten wir lernen?

Unser Gehirn ist "auf das Generalisieren (Verallgemeinern) von Erfahrungen eingestellt". Es will die "großen Ideen" finden, die in vielen Lebenssituationen angewendet werden können:

 

"Weswegen fällt uns das Lernen oft so schwer, obwohl es eine grundlegende Eigenschaft unseres Gehirns ist? ... Unser Gehirn ist eigentlich nicht darauf ausgerichtet, Wissen, insbesondere selten gebrauchtes Detailwissen, zu lernen und zu behalten. Jedes menschliche Gehirn ist evolutionär mehr auf Können und das Sammeln und Generalisieren von Erfahrungen eingestellt, die das Überleben in seiner Umwelt ermöglichen." (Rost, F. (2018) Lern- und Arbeitstechniken für das Studium. Springer VS, Wiesbaden, S. 34)

 

Da wir in einer Lerneinheit nur eine begrenzte Menge an Details aufnehmen können, sollten auch wir das Wissen einer Lerneinheit um "Kernkonzepte oder "große Ideen" herum organisieren, so wie es Experten tun (s. o.). Dann können wir die Details von den Ideen ableiten.

 

Gedächtnissportler merken sich starke Bilder und Geschichten und leiten von diesen die eigentlichen Dinge ab, an die sie sich erinnern wollen.

 

Siehe das Interview in der taz unter https://taz.de/Gedaechtnissportler-ueber-seine-Techniken/!5900181, 21.01.24:

"Das Hauptprinzip ist, dass man sich das, was man sich merken will, verbildlichen muss. ... Wichtig ist, dass man sich starke Bilder und Geschichten ausdenkt. ... ohne Emotionen kann man sich die Sachen nicht gut merken." Davor: "Wobei das Merken von Zahlen was ganz anderes ist als das Verständnis von physikalischen oder mathematischen Gesetzen. Dass man sich Dinge merken kann, heißt nicht, dass man sie auch versteht."

 

Da wir den Lernstoff nicht nur erinnern, sondern auch verstehen wollen, dürfen wir uns keine beliebigen Bilder ausdenken, sondern müssen die "großen Ideen" verwenden, die die Grundlage für die Details des Lernstoffs bilden. Wir sollten also für jede Lerneinheit (jede Schulstunde, jede Vorlesung, jeden Text, jede Präsentation) eine "grundlegende Idee" finden und dann für die Idee eine Kernaussage formulieren.

 

Eine optimal passende Kernaussage zu formulieren, gelingt erst, wenn man den Lernstoff richtig gut verstanden hat. Wichtig ist aber, es überhaupt zu versuchen und zu üben. Auch wenn die Kernaussage nicht optimal ist, bringt sie doch Vorteile, wie die Vorgehensweise der Gedächtnissportler beweist. (Das Finden einer Kernaussage für einen Text wird auf Learn-Study-Work erklärt, siehe "Wie einen guten verständlichen Text schreiben".)

 

Wir sollten uns zu der Kernaussage eine passendes Gedächtnisstütze zu merken (ein Bild, ein Merksatz oder eine andere Information), so wie es die Gedächtnissportler tun. Dann werden wir die Kernaussage und den dazugehörigen Lernstoff lange erinnern können.

 

Lernen für eine Prüfung

Wie lernen - Experten - Anfänger - eine Prüfung vorbereiten - www.learn-study-work.org

Wir prüfen, ob uns der Umfang des Lernstoffs für die anstehende Prüfung vollständig bekannt ist (wir wollen nichts übersehen). Dann zerlegen wir den Stoff in sinnvolle Teile und Unterteile. So erhalten eine hierarchische Struktur und einen guten Überblick (s. u.).

 

Dann erstellen wir eine Reihenfolge entsprechend der Wichtigkeit der Teile auf. Wir schätzen ab, wieviel Zeit wir haben, um uns auf die Prüfung vorzubereiten. Dann verteilen wir die Zeit auf die Teile entsprechend ihrer Wichtigkeit. Wenn wenig Zeit vorhanden ist, müssen wir entscheiden welche Teile wir vertieft und welche Teile wir nur oberflächlich lernen. Für die mehrfache Wiederholung des Gelernten planen wir auch Zeit ein. So kommen wir zu einem Zeitplan, der hoffentlich realistisch ist.

 

Jedes Teil des Lernstoffs analysieren wir und arbeiten dafür ein kurzes Skript aus (als vertiefte oder oberflächliche Zusammenfassung). Anschließend formulieren für jedes Teil eine Kernaussage, die mehr oder weniger optimal ist (abhängig von der zur Verfügung stehenden Zeit). Auch für den Lernstoff als Ganzes müssen wir eine Kernaussage formulieren, was nicht unbedingt schriftlich geschehen muss. Die Kernaussage im Kopf haben, reicht aus.

 

Zu jeder Kernaussage überlegen wir als Gedächtnisstütze ein Bild, einen Merksatz oder eine andere passende Information. Beim Wiederholen des Stoffes ist diese Gedächtnisstütze immer unser Ausgangspunkt.

 

Wenn wir den Lernstoff schon ein bisschen analysiert haben, als wir ihm zum ersten Mal in der Schule oder Hochschule begegnet sind, dann zahlt sich das jetzt aus. Mit dem Formulieren der Kernaussagen (als grundlegende Idee) dürfen wir uns nicht lange aufhalten. Das würde zu viel Zeit kosten.

 

Beispiel: eine Klausurvorbereitung über das Immunsystem (auf Learn-Study-Work).

 

Wie finden wir die grundlegende Idee für eine Lerneinheit?

Um eine Lerneinheit zu verstehen, müssen wir sie analysieren. Aus der Analyse können wir dann eine Schlussfolgerung ziehen und so die grundlegende Idee für diese Lerneinheit finden.

 

Eine "Analyse ... ist der Prozess, bei dem ein komplexes Thema oder Substanz in kleinere Teile zerlegt wird, um ein besseres Verständnis davon zu erlangen." (https://en.wikipedia.org/wiki/Analysis, 06.02.24)

 

Wir zerlegen also ein Objekt (z. B. eine Lerneinheit) in seine Bestandteile und dann ...

  • untersuchen wir die Eigenschaften der Bestandteile und die Beziehungen der Bestansteile untereinander,
  • erkennen wir die Regeln, die für diese Beziehungen gelten,
  • ziehen wir die richtigen Schlussfolgerungen.

Ein Objekt kann aus Bestandteilen bestehen, aber es kann auch selber Bestandteil von etwas sein. So ist z. B. ein Motor der Bestandteil eines Autos und gleichzeitig besteht er selbst aus Bestandteilen. Um die Funktion des Motors zu verstehen, muss man die Beziehungen zwischen den Dingen innerhalb und außerhalb des Motors verstehen.

 

Einfaches Beispiel: Berechne die Fläche des blauen Rechtecks

Flächenberechnung - www.learn-study-work.org

Die Figur wird in die Flächen zerlegt, aus denen sie besteht. Man erkennt, von der Fläche mit dem roten Rand muss man die 4 Dreiecke abziehen, um die blaue Fläche zu erhalten. Die Regel für die Berechnung der Fläche eines Rechtecks ist F = Seite a x Seite b. Die Fläche mit dem roten Rand ist ein Quadrat, deshalb gilt a = b. Die Fläche ist F = a x a = 8 m x 8 m = 64 m2. Die beiden grünen und gelben Dreiecke bilden zusammen auch Quadrate. Deshalb ergibt sich für die Fläche des blauen Rechtecks F = 64 m2 - 6 m x 6 m - 2 m x 2 m = (64 - 36 - 4) m2 = 24 m2  

Die Fläche der Dreiecke könnte auch einzeln berechnet werden nach der Formel:

F = Grundseite x Höhe x 1/2 .

 

Allgemeine Schlussfolgerung (Kernaussage): Eine Teilfläche lässt sich berechnen, indem von der Gesamtfläche alle anderen Teilflächen abgezogen werden. Voraussetzung ist, dass alle anderen Teilflächen bekannt sind.

 

Wissen besteht aus Fakten und Regeln. In dem Beispiel sind die Längen der Seiten die Fakten und die Berechnungsformeln sind die Regeln. Regeln sind bedingte Aussagen, die angeben, zu welchem Ergebnis man kommt, wenn eine bestimmte Bedingung erfüllt ist: wenn diese Bedingung erfüllt ist, dann ergibt sich dies Ergebnis. Angewandt auf eine mathematische Formel heißt das: Wenn ich die Rechenschritte der Formel durchführe, dann erhalte ich das gesuchte Ergebnis.

 

Ein anderes Beispiel für eine Analyse:

Bei der Interpretation eines poetischen Textes besteht eine Dreieckbeziehung zwischen der Autorin, ihrem Werk und dem Leser, deren drei Teile analysiert werden müssen. Damit der Leser das Werk "richtig" interpretieren kann, sollte er wissen, nach welchen Regeln die Autorin den poetischen Text geschrieben hat (siehe auf Learn-Study-Work "Wie wird Literatur interpretiert?").

 

Analysieren ist eine Fähigkeit und Fähigkeiten lernt man, indem man sie übt (durch anwenden). In jedem Fach und bei jeder Aufgabe können wir das Analysieren üben. Wenn wir das Analysieren erst einmal gelernt haben, dann können wir relativ schnell aus einer Analyse die richtigen Schlussfolgerungen ziehen und eine Kernaussage formulieren.

 

Wie eine Kernaussage schlussfolgern?

Wir müssen "eine Sache, ein Ereignis oder eine Situation" verstehen, um auf die richtige Kernaussage schließen zu können.

 

"Um die Bedeutung einer Sache, eines Ereignisses oder einer Situation zu erfassen, muss man sie in ihren Beziehungen zu anderen Dingen sehen: erkennen wie sie funktioniert und welche Konsequenzen sich daraus ergeben, was sie verursacht und wie sie genutzt werden kann." (Dewey, J. (1933). How We Think: restatement of the relation of reflective thinking to the educative process. Boston, D.C. Heath and Co., S. 137)

 

Argumente sollen eine Schlussfolgerung (eine Konklusion) begründen. 

 

"Argumente bestehen aus Prämissen und einer Konklusion, wobei die Prämissen typischerweise die Konklusion begründen sollen." (https://de.wikipedia.org/wiki/Argument und https://de.wikipedia.org/wiki/Schlussfolgerung, 08.04.23).

 

Wenn wir eine Sache in ihre Bestandteile zerlegen und über diese Bestandteile und ihre Beziehungen untereinander viele Informationen sammeln, dann sind diese Informationen die Prämissen (wahrheitsfähige Aussagen), auf die wir unsere Konklusion stützen wollen. Dabei hoffen wir natürlich, dass unsere Informationen richtig sind und der Wahrheit entsprechen.

 

Das Schlussfolgern einer Kernaussage geschieht in zwei Schritten: Zuerst entscheiden wir, welche der gesammelten Informationen wichtig und welche nicht so wichtig sind. Dann sehen wir uns die Liste mit den wichtigen Informationen an und denken daran, dass unsere Schlussfolgerung berücksichtigen muss, dass "das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile ist". "Das Ganze" ist hier (beim Schließen auf eine Kernaussage) das "Wichtigste vom Wichtigen". "Das Ganze" (die Kernaussage) hängt allerdings davon ab, was wir wollen (mit welcher "Blickwinkel" wir auf die Sache sehen).

 

Soll die Kernaussage beschreiben "wie die Sache funktioniert, welche Konsequenzen sich daraus ergeben, was sie verursacht oder wie sie genutzt werden kann"? Für jede Frage ist die Kernaussage anders. Wenn wir Glück haben, ist das "Wichtigste vom Wichtigen" eine Information auf unserer Liste von wichtigen Informationen. Wahrscheinlich müssen wir aber von den wichtigen Informationen mehre kombinieren und einen neuen Satz formulieren.

 

Beispiel Verbrennungsmotor:

Die Kernaussauge zu einem Verbrennungsmotor könnte lauten: "Wenn es um die Funktionsweise eines Verbrennungsmotors geht, dann muss man wissen, dass in einem/mehreren Zylinder/n des Motors durch eine Explosion ein Kraftstoff-Luft-Gemisch verbrannt wird, wodurch die entstehenden Abgase einen Kolben in dem/den Zylinder/n bewegen.

 

Beispiel "Was ist Wissenschaft?":

"Das Wort Wissenschaft ... bezeichnet die Gesamtheit des menschlichen Wissens, der Erkenntnisse und der Erfahrungen einer Zeitepoche, welches systematisch erweitert, gesammelt, aufbewahrt, gelehrt und tradiert wird.[2] (https://de.wikipedia.org/wiki/Wissenschaft#cite_note-2, 19.02.24)

 

Um diese Definition auf Wikipedia verstehen zu können, müssten viele Fragen zu den verwendeten Begriffen beantwortet werden: Gehört alles Wissen eines Menschen zur Wissenschaft, auch das einfachste? Wie ist das mit der Zeitepoche gemeint? Wenn eine geforderte Eigenschaft (systematisch erweitert, gesammelt, aufbewahrt, gelehrt und tradiert) nicht erfüllt wird, ist es dann keine Wissenschaft? ... Mit den Antworten auf diese (und andere) Fragen, hätten wir eine Liste mit wichtigen Informationen (die schriftlich oder auch nur im Kopf existieren kann).

 

Der Schriftsteller und Wissenschaftler Umberto Eco hat die Voraussetzungen genannt, die erfüllt sein müssen, damit sich eine Arbeit wissenschaftlich nennen darf  (siehe auf Learn-Study-Work "Was ist Wissenschaft?"). Allerdings habe ich mehrere Monate gebraucht, um sicher zu sein, dass seine Definition richtig ist. ("Wissenschaft ist neues, reproduzierbares und nützliches Wissen.")

 

Solch eine lange Zeit steht den Lernenden normalerweise nicht zur Verfügung, aber sie können sich bei jeder Lerneinheit fragen: "Was ist wichtig und was ist nicht so wichtig?" (so wie unser Gehirn das auch unbewusst tut, siehe das Zitat ganz oben). Anschließend sollten sie versuchen, für jede Lerneinheit eine Kernaussage zu formulieren. Nach einiger Übung wird dies immer besser gelingen.

 

Bei komplexen (komplizierten) Sachen/Ereignissen/Situationen ist das Schlussfolgern oft besonders schwer, weil uns wichtige Informationen fehlen. Dann müssen wir kreativ werden: Wir müssen alle Möglichkeiten für das Unbekannte bedenken und die wahrscheinlichste Möglichkeit auswählen. Auf Learn-Study-Work wird das kreative Analysieren und Schlussfolgern erklärt, siehe "Wie Situationen/Systeme analysieren" und "Wie kreativ werden" (die Texte sind allerdings nicht so einfach zu verstehen).

 

Leider gibt es Menschen, denen es zu mühsam ist, alle notwendigen Informationen über eine Situation zusammenzutragen und auch die grundsätzlichen Fragen bezüglich dieser Situation präzise zu beantworten.  Sobald sie eine erste Idee für eine Schlussfolgerung haben, beenden sie die Analyse. Aber meistens ist bei schwierigen Analysen die erste Idee ist nicht die beste. 

 

Wie können wir etwas aus unserem Kurzzeit- in unser Langzeitgedächtnis bringen?

"Da die Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses auf durchschnittlich 3,5 (bis max. 5) Elemente begrenzt ist und sinnvolle Information besser behalten wird als sinnlose, kommt es darauf an, 'Klumpen' (chunks) zu bilden. ... Erst das Langzeitgedächtnis ... sichert Wissen vor dem Vergessen  ... Dabei geht das Gehirn denkökonomisch vor, d. h. es integriert, reduziert, generalisiert und abstrahiert ... Da das Gehirn in dieser Weise funktioniert, sollten wir es unterstützen, indem wir aktiv sog. 'Superzeichen' bilden, d. h. Schlüsselworte, Strukturen und Hierarchien (Ober- und Unterbegriffe), an denen entlang das Gedächtnis weitere Informationen durch Assoziationen rekonstruieren kann." (Rost, F. (2018) Lern- und Arbeitstechniken für das Studium. Springer VS, Wiesbaden, S. 52 - 54)

 

Um unserem Gehirn zu helfen, müssen wir also den Lernstoff "reduzieren, abstrahieren und generalisieren", um so auf die "Superzeichen" (sinnvolle "Klumpen", "große grundlegende Ideen") zu kommen. Diese gehen dann in das Langzeigedächtnis über, zusammen mit einigen dazugehörigen Informationen.

 

Beispiel: Wir wollen die deutsche Geschichte so aufbereiten, dass wir sie nie wieder vergessen. Dazu müssen wir sie analysieren und dann auf die wichtigsten Ereignisse reduzieren (siehe auf Learn-Study-Work "Die deutsche Geschichte"):

  • 9 nach Chr. - Armenius (der Asterix der Deutschen) besiegt die Römer
  • 800 - Karl der Große wird vom Papst zum Kaiser gekrönt - Heiliges Deutsches Reich (schwaches Reich)
  • 1815 - Wiener Kongress - Deutscher Bund (Deutschland ein Flickenteppich)
  • 1848 - Deutsche Revolution (nicht erfolgreich)
  • 1871 - Deutsche Reich - (Bismark, Kaiser Wilhelm und der Hauptmann von Köpenik)
  • 1914 - 1918 - Erster Weltkrieg (Weltmacht als Ziel)
  • 1918 - 1933 Weimarer Republik (Demokratie)
  • 1933 - 1945 Hitler / 1939 - 1945 2. Weltkrieg
  • 1945 - 1989 zwei deutsche Staaten
  • 1989 -   ...   ein deutscher Staat (03.10. Feiertag der Wiedervereinigung)

Ich habe die Punkte logisch (nach der Zeit) geordnet und versucht für jeden Punkt eine Gedächtnisstütze zu finden. Trotzdem ist die Zahl von 9 Punkten zu groß, um sie dauerhaft zu erinnern. Entsprechend dem obigen Zitat müssen wir jetzt "integrieren", d. h. zusammenfassen (wobei wir einige Ungenauigkeiten in Kauf nehmen müssen). Vielleicht so:

  • 9 - 1814: das Land der Barbaren wird zum Heiligen Römischen Reich
  • 1815 - 1918: Deutscher Bund und Deutsches Reich
  • 1918 - jetzt:  Demokratie - 2. Weltkrieg - Demokratie

So kommen wir zu der magischen Zahl von 3 Punkten, die man sich gut merken kann (3 Punkte sind optimal, aber 4 gehen auch noch). Wir sind zu einer "hierarchischen Struktur mit Ober- und Unterbegriffen" gelangt.

Wie lernen - deutsche Geschichte Zusammenfassung - Arbeit Klausur vorbereiten - reduzieren - hierarchisch ordnen - www.learn-study-work.org

Wir können diese Zusammenfassung auch als Zeitstrahl darstellen. Weil der Zeitstrahl relativ wenige Punkte hat, könnten wir ihn noch einigermaßen gut erinnern. Bei mehr Punkten wäre dies nur schwer möglich.

Wie lernen - die deutsche Geschichte kurze Zusammenfassung - Zeitstrahl - www.learn-study-work.org

Wie vom Zitat oben gefordert müssen wir jetzt noch abstrahieren, d. h. eine allgemeine Schlussfolgerungen ziehen.  Für mich stellt sich aus heutiger Sicht die Kernfrage: Wie konnte es zum 1. Weltkrieg, zum 2. Weltkrieg und zum Holocaust kommen? Zur deutschen Geschichte gibt es verschiedene Meinungen, weshalb jeder selber diese Frage beantworten sollte.

 

Auf diese Art und Weise kann man den Prüfungsstoff für jede Klassenarbeit/Klausur vorbereiten (da braucht man für einem Thema wahrscheinlich 3 oder 4 Ebenen). Voraussetzung ist, dass man analysieren kann und so die Zusammenhänge versteht.

 

Generalisierend können wir sagen: Jede Lerneinheit sollte eine hierarchische Struktur haben und um eine Kernaussage herum organisiert sein (s. o.).

 

"Strukturierte Informationen sind leichter zu merken und abzurufen als ungeordnete Informationen." (www.nature.com/articles/s41598-019-46908-z, 09.01.22)

Wie lernen? Hierarchisch und logisch (sinnvoll) geordnete Aussagen sind leichter zu verstehen und besser zu erinnern - www.learn-study-work.org

"Herausragende Gedächtnisleistungen sind auch Gegenstand der Skilled Memory-Theory von Chase and Ericson (1981). ... Chase und Ericson (1981) konnten so demonstrieren, dass durch bedeutungshaltige Strukturierung und Entwicklung einer hierarchischen Abrufstruktur die Grenzen des Arbeitsspeichers deutlich überwunden werden können." (Hagemann, N., Tietjens, M., & Strauss, B. (Eds.). (2007). Psychologie der sportlichen Höchstleistung: Grundlagen und Anwendungen der Expertiseforschung im Sport. Hogrefe Verlag., S. 10)

 

Wenn wir unser Wissen hierarchisch aufbauen wollen, dann brauchen wir analytisch-kreatives Denken, denn meist ist das vorhandene Wissen nicht vollständig. Manchmal fehlt die Hauptaussage (wie z. B. bei der Literaturinterpretation) oder es fehlen Teilaussagen, die notwendig sind, um die Hauptaussage zu verstehen. Selbst wenn alle Aussagen vorhanden sind, müssen wir diese noch in die richtige (= logische) Reihenfolge bringen (siehe auf Learn-Study-Work "Einen verständlichen Text schreiben"). Auch um uns eine eigene Meinung zu bilden, brauchen wir ein analytisch-kreatives Denkvermögen (vielleicht sind einige Aussagen falsch oder sie lassen sich noch verbessern).

 

Muss in jedem Fach anders gelernt werden?

Einige Wissenschaftler sagen:

 

"Jede Disziplin hat ... eine andere Art, Fragen zu stellen und Probleme zu lösen ... Wir stellen hier fest, dass es zahlreiche Belege dafür gibt dass effektiver Unterricht fachspezifisch ist, und nicht auf einem Werkzeugkasten allgemeiner Lehrtechniken basiert." (Darling-Hammond, L., Flook, L., Cook-Harvey, C., Barron, B., & Osher, D. (2020). Implications for educational practice of the science of learning and development. Applied developmental science, 24(2), S. 116)

 

Jeder muss selber entscheiden, wie sie oder er lernt bzw. lehrt. Natürlich ist jeder Fachunterricht "fachspezifisch", aber wer das Fachwissen gut analysieren kann, dem fällt das Lernen leicht und dem bringt es auch Spaß. Wer keinen großen Nutzen in dem Analysieren sieht, wird den Lernstoff nicht so gut verstehen und auch nicht so lange erinnern können.

 

"Menschen nehmen vor allem das wahr, wofür sie sich interessieren und worüber sie schon ein Vorwissen haben. Das ist der Grund dafür, dass alle Sachverhalte, die in Verbindung stehen mit den eigenen Vorlieben, so leicht gelernt werden." (Rost, F. (2018) Lern- und Arbeitstechniken für das Studium. Springer VS, Wiesbaden, S. 43)

 

Zu dem Thema gehört auf Learn-Study-Work die Seiten "Lernen in der Schule", "Aktives Lernen/Lehren", "Wie studieren"

 

Lesen Sie auf Learn-Study-Work: "Was ist Mathematik", "Was ist Literatur", "Mathe Grundlagen für den Realschulabschluss", die "Gliederung" und "Einleitung" einer Bachelor- oder Masterarbeit, "Was ist Respekt", "Wie auf respektoses Verhalten reagieren?"