Wie lernen?

Kernaussage: Lernen ist der Erwerb von Wissen oder Fähigkeiten.

 

Was ist Lernen?

"Neben der Aneignung von Wissen verstehen wir im Alltag unter Lernen auch die Aneignung bestimmter motorischer Fähigkeiten. ... Vom Lernen sprechen wir in der Psychologie nur dann, wenn gegenüber einem früheren Zustand eine Veränderung eingetreten ist. ... [Die Veränderung] muss auf Erfahrung und/oder Übung des Organismus zurückgehen und ... längere Zeit verfügbar sein. ... Je nach Sichtweise kann Lernen definiert werden als Veränderung von Verhaltensweisen oder Verhaltensmöglichkeiten oder als Veränderung von kognitive Strukturen." (Schermer, F. J. (2006) Lernen und Gedächtnis. Stuttgard: Verlag W. Kohlhammer, S. 9-12)

 

Mit "kognitive Strukturen" ist das Denken eines Menschen gemeint, was durch Lernen (z. B. den Erwerb von Wissen) verändert wird.

 

Lernergebnisse sind "Aussagen darüber, was ein Lernender weiß, versteht und in der Lage ist zu tun, nachdem er einen Lernprozess abgeschlossen hat. Sie werden als Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen definiert ..."  (https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:32008H0506(01)&from=DE#d1e32-4-1, 10.08.21)

 

Lernen hat bezüglich Kenntnissen (= Wissen) zwei Ziele:

  1. Ich will mich an etwas erinnern können.
  2. Ich will etwas verstehen.

Wenn ich etwas gelernt habe, dann will ich es nicht gleich wieder vergessen. Aber Vergessen ist eine natürlicher Prozess:

 

"Vergessen ist ein wichtiger, sogar essentieller Prozess, der von unserem Hirn aktiv gesteuert wird. Anders wären die fortlaufenden Veränderungen und die enormen Informationsmengen, die ständig auf uns einströmen, nicht organisierbar. ... Vergessen ist ... der aktive Versuch die Komplexität der Realität um uns herum zu reduzieren, indem veraltete oder irrelevante Dinge nicht mehr zugänglich gemacht werden, erklärt Karl-Heinz Bäuml, Professor am Lehrstuhl für Entwicklungs- und Kognitionspsychologie der Universität Regensburg. ... Vergessen bedeutet, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen ... " (www.br.de/wissen/vergessen-gehirn-strategie-filter-100.html, 05.11.2021)

 

"Wie speichert man Information so, daß sie auch behalten wird?

  • Übung [lernen durch Wiederholung]
  • Verteiltes Lernen [etwas nicht 8 mal an einem Tag lernen, sondern 4 Tage lang zweimal pro Tag = immer wieder auffrischen ist besser als versuchen alles auf einmal zu lernen]
  • Elaboration [= etwas verarbeiten und dadurch verstehen]
  • Gedächtnisstützen [die Information wird kombiniert mit räumlichen, persönlichen, überraschenden, körperlichen, humorvollen oder anderen Informationen z. B. in einem Merksatz]

... Elaboration ist entscheidend" (www.allpsych.uni-giessen.de/thomas/teaching/pdf/G2006/Gedaechtnis2.pdf, 05.11.21)

 

In dem Zitat bedeutet Elaboration eine Information so zu verarbeiten, dass sie verstanden wird. Schlussfolgerung: Wissen, das verstanden wurde, wird am besten erinnert.

 

Verstehendes Lernen

Lernen funktioniert besonders gut, wenn es mit positiven Gefühlen verbunden ist.

 

"Menschen nehmen vor allem das wahr, wofür sie sich interessieren und worüber sie schon ein Vorwissen haben. Das ist der Grund dafür, dass alle Sachverhalte, die in Verbindung stehen mit den eigenen Vorlieben, so leicht gelernt werden." (Rost, F. (2018) Lern- und Arbeitstechniken für das Studium. Springer VS, Wiesbaden, S. 43)

 

Wenn wir viele Details lernen sollen zu einem Thema zu dem wir kein großes Vorwissen haben, dann ist uns klar, dass wir diese Details sowieso wieder vergessen werden. Wenn dann noch hinzu kommt, dass wir nicht sehen, wie uns dieses Detailwissen nützen kann, dann macht das Lernen keinen Spaß. Aber auch das Lernen von Details kann interessant sein, wenn diese gut erklärt werden oder wenn man genug Vorwissen hat und sie sich selbst erklären kann.

 

"Weswegen fällt uns das Lernen oft so schwer, obwohl es eine grundlegende Eigenschaft unseres Gehirns ist? ... Unser Gehirn ist eigentlich nicht darauf
ausgerichtet, Wissen, insbesondere selten gebrauchtes Detailwissen, zu lernen
und zu behalten. Jedes menschliche Gehirn ist evolutionär mehr auf Können und das Sammeln und Generalisieren von Erfahrungen eingestellt, die das Überleben in seiner Umwelt ermöglichen." (Rost, F. (2018) Lern- und Arbeitstechniken für das Studium. Springer VS, Wiesbaden, S. 34)

 

Das Zitat sagt, unser Gehirn ist "auf das Generalisieren (Verallgemeinern) von Erfahrungen eingestellt". Was heißt das?

 

"... wenn wir in einer unberechenbaren Welt leben würden, in der sich die Dinge zufällig oder auf sehr komplizierte Weise änderten, dann wären wir nicht in der Lage, die Dinge zu verstehen. Wir leben aber in einem ... Universum, in dem sich die Dinge zwar ändern, aber nach ... Regeln oder, wie wir sie nennen, nach Naturgesetzen. ... Und so wird es möglich, Dinge herauszufinden." (Sagan, C. (2013). Cosmos. New York: Randon House Publishing Group, S. 41)

 

Es kommt also darauf an zu verstehen, welche allgemeinen Regeln unser Leben bestimmen.

 

Wie ist Wissen aufgebaut?

 

... Fortsetzung folgt

 

 

Der folgende Text ist hier "geparkt" und wird für die Fortsetzung verwendet:

 

Wir müssen zuerst die Regeln verstehen, die in unserer Welt gelten. Dann können wir die Regeln auf die Details anwenden und so auch diese verstehen.

 

Schlussfolgerung: Wir sollten logisch strukturiert, analytisch und anwendungsbezogen lernen. Sind diese drei Bedingungen erfüllt, dann handelt es sich um verstehendes Lernen.

 

Was bedeutet die Schlussfolgerung? Zuerst soll diese Frage mit einfachen Worten erklärt werden (dann folgt die wissenschaftliche Erklärung):

 

Wenn ich zu einem Thema viel lernen will, muss ich mir erst einmal einen Überblick verschaffen. Bei einem längeren Text zeigt die Gliederung bzw. das Inhaltsverzeichnis diesen Überblick. Wenn der Text sinnvoll (logisch mit Ober- und Unterbegriffen) gegliedert ist, dann ist er leichter zu verstehen und wird besser erinnert. Das Gleiche gilt für das Lernen.

 

"Strukturierte Informationen sind leichter zu merken und abzurufen als ungeordnete Informationen." (www.nature.com/articles/s41598-019-46908-z, 09.01.22)

Wie lernen? Hierarchisch und logisch (sinnvoll) geordnete Aussagen sind leichter zu verstehen und besser zu erinnern - www.learn-study-work.org

Es gibt zwei Arten von Wissen: "Ich weiß das" (I know that) und "Ich weiß wie" (I know how). Bei der ersten Art, ist das, was ich weiß, ein Fakt. Bei der zweite Art ist das, was ich weiß, eine Regel. Wissen besteht also aus Fakten und Regeln (siehe auf Learn-Study-Work "Wie studieren?").

 

1. Logisch strukturiert lernen

Es gibt das Kurzzeitgedächtnis (oder Arbeitsgedächtnis) und das Langzeitgedächtnis.

 

"Da die Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses auf durchschnittlich 3,5 (bis
max. 5) Elemente begrenzt ist und sinnvolle Information besser behalten
wird als sinnlose, kommt es darauf an, 'Klumpen' (chunks) zu bilden. ... Dabei ist es egal, ob diese 'Klumpen' einzelne Buchstaben, Zahlen oder größere Einheiten wie Wörter oder Sätze sind. ... Das „Klumpen“ klappt allerdings nur, wenn ein Vorwissen vorhanden ist ...

Erst das Langzeitgedächtnis ... sichert Wissen vor dem Vergessen  ... Dabei geht das Gehirn denkökonomisch vor, d. h. es integriert, reduziert, generalisiert und abstrahiert: Informationen, die nicht integriert werden können, werden verdrängt ... Da das Gehirn in dieser Weise funktioniert, sollten wir es unterstützen, indem wir aktiv sog. 'Superzeichen' bilden, d. h. Schlüsselworte, Strukturen und Hierarchien (Ober- und Unterbegriffe), an denen entlang das Gedächtnis weitere Informationen durch Assoziationen rekonstruieren kann." (Rost, F. (2018) Lern- und Arbeitstechniken für das Studium. Springer VS, Wiesbaden, S. 52 - 54)


Hamburger Psychologen haben herausgefunden, das ein Text leicht verständlich ist, wenn er eine klare Struktur hat:

 

Innere Ordnung: … Die Informationen werden in einer sinnvollen Reihenfolge dargeboten.
Äußere Gliederung: Der Aufbau des Textes wird sichtbar gemacht.“  (Langer, I., Schulz von Thun, F., Tausch, R. (2002). Sich verständlich ausdrücken. München; Basel: Ernst Reinhardt, S. 18)

 

Das Gleiche gilt für Wissen: Wird das Wissen übersichtlich in einer sinnvollen (logischen) Reihenfolge präsentiert, dann kann es leichter gelernt werden. Wichtig ist es dabei die richtigen Wörter als chunks ('Klumpen' = Erinnerungseinheiten) zu verwenden. Die Wörter müssen den Sachverhalt treffend beschreiben.

 

"Der Unterschied zwischen dem fast richtigen Wort und dem richtigen Wort ist wirklich groß: Es ist der Unterschied zwischen dem Glühwürmchen und dem Blitz." (Mark Twain, Letter to George Bainton, veröffentlicht in "The Art of Authorship" von George Bainton)

 

Das folgende Bild zeigt die Struktur von Wissen (jedes normale Inhaltsverzeichnis hat diese Struktur). Es zeigt auch wie man diese Struktur nutzt, um etwas zu erklären bzw. zu verstehen.

 

...Bild fogt

Erklären und Verstehen gehören zusammen. Einstein hat gesagt: "Wenn man etwas nicht einfach erklären kann, hat man es nicht verstanden."

 

Beim Erklären/Verstehen gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Die Hauptaussage ist bekannt. Diese zerlege ich in Teilaussagen, die ich in einer logischen Reihenfolge erkläre. So füge sich alle Teilaussage zusammen und erklären die Hauptaussage.
  2. Ich habe ein Hauptfrage. Diese zerlege ich in Teilfragen, die ich in einer logischen Reihenfolge beantworte. So fügen sich alle Antworten zusammen und beantworten die Hauptfrage.

Wenn Teilaussagen/Teilantworten fehlen, hat die Struktur Lücken und die Hauptaussage bleibt unverständlich. Dann ist man unzufrieden, weil man ein Puzzle hat, bei dem Teile fehlen. Wenn zu viele Teile fehlen, kann man die Aussagen nicht verstehen.

 

Beispiel für eine Erklärung:

"Was ist Wissenschaft?" ist die Hauptfrage - die "Definition von Wissenschaft" ist die Hausptaussage.

 

"Das Wort Wissenschaft ... bezeichnet die Gesamtheit des menschlichen Wissens, der Erkenntnisse und der Erfahrungen einer Zeitepoche, welches systematisch erweitert, gesammelt, aufbewahrt, gelehrt und tradiert wird.[2]

(Wikipedia, 16.12.21)

 

Um diese Definition von Wikipedia zu verstehen, müssten viele Fragen zu den verwendeten Begriffen beantwortet werden: Gehört alles Wissen eines Menschen zur Wissenschaft, auch das einfachste? Welche Zeitepoche ist gemeint? Wenn etwas nicht systematisch erweitert, gesammelt, aufbewahrt, gelehrt und tradiert wird, ist es dann keine Wissenschaft? ... Leider werden diese Fragen von Wikipedia nicht beantwortet. Aber auf die Definition folgen eine große Menge an Details. Details darzustellen ist einfach, man muss sie nur zusammentragen und braucht sie nicht zu erklären.

 

Im Gegensatz zu Wikipedia habe ich "Wissenschaft als neues, resproduziertbares und nützliches Wissen" definiert und erklärt, warum es neu, reproduzierbar und nützlich sein muss (siehe auf Learn-Study-Work "Was ist Wissenschaft?").

 

2. Analytisch lernen

"Da die Menge an Informationen, die Menschen im Kurzzeitgedächtnis speichern können, begrenzt ist, wird das Kurzzeitgedächtnis verbessert, wenn Menschen in der Lage sind, Informationen in vertraute Muster zu unterteilen (Miller, 1956). ... Mangels einer hierarchischen, hoch organisierten Struktur für den Bereich können Anfänger diese Chunking-Strategie nicht anwenden. ...
In jedem Fall hilft das Fachwissen in einem Bereich den Menschen, eine Sensibilität für Muster sinnvoller Informationen zu entwickeln, die Neulingen nicht zur Verfügung stehen. ...
Das Denken von Experten scheint sich um große Ideen in der Physik zu drehen, wie z. B. das zweite Newtonsche Gesetz und seine Anwendung, während Neulinge dazu neigen, das Lösen von Problemen in der Physik als Auswendiglernen, Abrufen und Manipulieren von Gleichungen zu betrachten ...
Die Betonung der von Experten wahrgenommenen Muster deutet darauf hin, dass die Mustererkennung eine wichtige Strategie ist, die den Schülern hilft, Vertrauen und Kompetenz zu entwickeln." (National Research Council. (2000) How people learn: Brain, mind, experience, and school. Washington, DC: National Academy Press, S. 33/37/48, www.nap.edu/read/9853/chapter/5)

 

"Die Philosophen haben sich nicht nur mit dem Problem der Deduktion in der Logik befasst (d.h. was folgt aus was), sondern auch mit dem Problem der Induktion (d.h. der Verallgemeinerung von Einzelfällen). Die Induktion ist für das Verständnis der Wissenschaftsphilosophie von grundlegender Bedeutung, da ein Großteil der Wissenschaft die Entdeckung allgemeiner Gesetze durch Verallgemeinerung aus experimentellen Daten beinhaltet." (Lloyd, J. W. (2003). Logic for learning. Springer-Verlag, S. 9)

 

3. Anwendungsbezogen (= situationsbezogen) lernen

Wenn Wissen die Kenntnis von Fakten und Regeln ist, dann heißt verstehen, die Zusammenhänge zwischen diesen Fakten und Regeln zu sehen. Es reicht nicht eine Regel zu kennen, man muss auch wissen in welchen Situationen sie angewandt werden kann, welche Fakten zum Anwenden bekannt sein müssen und welche weiteren Regeln in solchen Situationen zusätzlich gelten.

 

"Eine situationsbezogene Didaktik ...

Ziel des Unterrichts ist es dabei, den Lernenden für jede ... Situationen die notwendigen Werkzeuge zur Verfügung zu stellen." (https://hrkll.ch/WordPress/vom-kopf-auf-die-fuesse/didaktisches-grundmodell/acht-schritte, 04.12.21)

 

Beispiel: Beim Satz des Pythagoras muss man wissen, dass dieser nur für rechtwinklige Dreiecke gilt, dass man mit ihm dann bei zwei bekannten Seiten, die dritte ausrechnen kann. Wenn man also in einer Situation ein rechtwickliges Dreieck erkennt, könnte man den Satz des Pythagoras anwenden. Wenn nur eine Seite und ein Winkel bekannt sind, dann kann man mit dem Sinus oder Cosinus die zweite Seite berechnen kann.

 

Fortsetzung folgt ...