Die Gliederung eines wissenschaftlichen Textes

Kernaussage: Alle wissenschaftlichen Artikel, die eigene Untersuchungen oder Studien vorstellen, haben im Prinzip die gleiche Struktur: Einleitung – Methoden – Ergebnisse – Dikussion (EMED - englisch IMRAD).

 

Dieser Text ist die Fortsetzung von "Die Gliederung eines Textes".

 

Warum sind wissenschaftliche Veröffentlichungen, die Untersuchungen oder Studien vorstellen, immer ähnlich aufgebaut?

Um neues Wissen zu schaffen, benötigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihrem Fach ein umfassendes Übersichtwissen und in ihren Forschungsgebieten ein herausragendes Detailwissen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen also eine große Menge an wissenschaftlichen Veröffentlichungen lesen wie Artikel, Aufsätze, Bücher. Sind die wissenschaftlichen Artikel einheitlich strukturiert, fällt das Lesen leicht und es lässt sich viel Zeit sparen.

 

Alle wissenschaftlichen Artikel (engl. paper), die eigene Untersuchungen oder Studien vorstellen, haben im Prinzip die gleiche Struktur: Einleitung – Methoden – Ergebnisse – Dikussion (EMED). EMED leitet sich ab von dem Grundprinzip der Problemlösung (s. u.). Im englisch-sprachlichen Raum gibt es die entsprechende Abkürzung IMRAD:

 

„The basic structure of a paper is summarised by the acronym IMRAD, which stands for:

Introduction (What Question was asked?)
Methods (How was it studied?)
Results (What was found?)
And
Discussion (What do the findings mean?)”
(Hall, G. M. et al.: How to Write a Paper, London BMJ Publishing Group, 2003, 11.10.13)

 

EMED bzw. IMRAD ist keine formale, sondern eine prinzipielle Struktur. Das heißt, die Kapitel der Veröffentlichung müssen nicht unbedingt die Überschriften „Einleitung“, „Methoden“, „Ergebnisse“ und „Diskussion“ haben. Aber:

  • Es muss klar sein, welche Frage die Veröffentlichung beantworten will (das entspricht dem E bzw. I).
  • Eine Veröffentlichung ohne neue Ergebnisse wäre nicht wissenschaftlich (das entspricht dem E bzw. R).
  • Damit diese Ergebnisse nachvollziehbar sind, müssen die angewandten Methoden dargestellt werden (das entspricht dem M).
  • Die Ergebnisse müssen beurteilt werden: Wurde die Ausgangsfrage zufriedenstellend beantwortet oder sind weitere Untersuchungen notwendig? Es muss der mögliche Nutzen diskutiert werden. (Das entspricht dem D.)

Gilt EMED auch für Bachelor- oder Masterarbeiten?

EMED (IMRAD) gilt nur für wissenschaftliche Artikel, die Untersuchungen oder Studien vorstellen. Diese Artikel sind für Spezialisten geschrieben sind, die den aktuellen Wissensstand in ihrem Spezialgebiet kennen. Deshalb braucht dieser in einem entsprechenden Artikel nicht erklärt werden. Das Nennen von Literaturquellen ist für einen Spezialisten ausreichend, damit sie oder er weiß, worauf sich der Artikel bezieht.

 

Von EMED lässt sich die Gliederung empirischer Bachelor-oder Masterarbeiten ableiten, bei denen durch praktische Untersuchungen neue Ergebnisse gewonnen werden. Allerdings ist die Autorin bzw. der Autor einer Bachelor- oder Masterarbeit noch unerfahren und hat zu dem Thema der Arbeit kein Spezialwissen. Deshalb müssen Bachelor- und Masterarbeiten ein Theoriekapitel aufweisen, in dem das zum Verständnis der Arbeit notwendige Spezialwissen auf dem neuesten Forschungsstand dargestellt wird. Aus EMED wird ETMED: Einleitung – Theorie – Methoden – Ergebnisse – Diskussion.

 

Ein von ETMED abgeleitetes Inhaltsverzeichnis hätte also prinzipiell diese Struktur:

Damit eine Arbeit nicht unübersichtlich wird, soll sie möglichst in nicht mehr als drei Ebenen untergliedert werden. Ein Kapitel muss in mindestens zwei Unterkapitel gegliedert werden. Ein Kapitel mit nur einem Unterkapitel ist nicht zulässig.

 

Welches Gliederungsprinzip gilt für alle Bachelor- oder Masterarbeiten?

Für alle Bachelor- oder Masterarbeiten gilt das Gliederungsprinzip: Einleitung – Hauptteil – Schluss. Alle Arbeiten haben also eine Einleitung, die in der Regel auch so heißt. Für die Einleitung stellt sich deshalb nur die Frage: Soll sie weiter untergliedert werden oder nicht?

 

Alle Arbeiten haben einen Schluss, der der Diskussion bei ETMED entspricht. Der Schluss hat jedoch nicht den Titel „Schluss“, sondern einen anderen Namen (bei einer empirischen Arbeit meistens „Diskussion“).

 

Für den Hauptteil gilt: Alle Arbeiten (empirische als auch theoretische) wenden mindestens eine Methode an und die Ergebnisse werden präsentiert und diskutiert. Empirischen Arbeiten sind meist entsprechend gegliedert (ETMED). Bei theoretischen Arbeiten wird in einem oder mehreren Kapiteln mindestens eine Methode angewendet (analysieren, interpretieren, argumentieren, …) und in diesen Kapiteln werden dann die Ergebnisse präsentiert und diskutiert.

 

Um die Forschungsfrage zu beantworten, wenden alle Arbeiten das Grundprinzip der Problemlösung an. Nur wer dies verstanden hat, kann seine Bachelor- oder Masterarbeit folgerichtig gliedern.

 

Wie ist der prinzipielle Ablauf einer Problemlösung?

Ein Problem besteht, wenn jemand mit einer Ist-Situation unzufrieden ist und es schwierig ist, die Wunsch-Situation zu erreichen. Die Wunschsituation erreicht man durch das Anwenden einer Methode. Bei wissenschaftlichen Problemen ist man unzufrieden mit dem bekannten Wissen und möchte zu neuen Erkenntnissen kommen.

 

Bei einer Bachelor- oder Masterarbeit besteht der Wunsch, sich diejenigen Ergebnisse zu erarbeiten, mit denen die Forschungsfrage beantwortet werden kann, um so das Ziel der Arbeit zu erreichen. Das folgende Bild zeigt diesen Zusammenhang:

Die drei Hauptschritten zur Problemlösung sind (Lindemann, U.(2009). Methodische Entwicklung technischer Produkte, Heidelberg: Springer, S. 46, 20.06.13):

  • Problem und Ziel klären
  • Lösungsalternativen generieren
  • Entscheidung herbeiführen (Lösung auswählen).

Das Klären des Problems und des Ziels und das Generieren von Lösungsalternativen geschieht auf der Grundlage des bekannten Wissens. Dann wird eine Lösung, d. h. eine oder mehrere Methoden, ausgewählt und durchgeführt, so dass die gewünschten Ergebnisse erhalten werden (siehe auf Learn-Study-Work "Die wissenschaftlichen Methoden").

 

Um die Gliederung zu finden, kann diese Kette zur Beantwortung der Forschungsfrage rückwärts durchlaufen werden. Denn alles, was auf die Einleitung folgt, dient dem Zweck am Ende der Arbeit die Forschungsfrage zu beantworten. Die gewünschte Antwort ist deshalb der Ausgangspunkt, um die notwendigen Kapitel zu finden, die diese Antwort vorbereiten:

  1. Welche Ergebnisse sind notwendig, um die Forschungsfrage zu beantworten?
  2. Welche Methoden müssen durchgeführt werden, um diese Ergebnisse zu erhalten?
  3. Welches bekannte Wissen muss zusammengestellt werden, damit die Methoden durchgeführt werden können?

Was muss noch berücktichtigt werden?

Es muss berücksichtigt werden, dass jedes wissenschaftliche Fachgebiet seine Texte anders gliedert und selbst innerhalb eines Fachgebietes gibt es unterschiedliche Arten von wissenschaftlichen Arbeiten. Empirische, analysierende, interpretierende oder argumentierende Arbeiten werden nicht nach dem gleichen Schema gegliedert.

 

Deshalb ist es sinnvoll, sich passende fertige Arbeiten anzusehen, um ein Gefühl für das Gliedern in dem jeweiligen Fachgebiet für die betreffende Art zu bekommen. Das Übernehmen einer anderen Gliederung ist nicht erlaubt, aber auch nicht möglich, da es ja keine andere Arbeit geben darf, die genau meine Forschungsfrage schon beantwortet hat.

 

Vorgaben zum Stil einer Gliederung (z. B. zum Deckblatt, Abbildungsverzeichnis, Literaturverzeichnis, …) stehen in dem gültigen Merkblatt zum Schreiben einer Bachelor- oder Masterarbeit. Da die Betreuer von Bachelor- oder Masterarbeiten oft bezüglich des Stils persönliche Vorlieben haben, wäre es optimal, wenn ich meinen Betreuer frage, ob er mir eine stilistisch vorbildliche Arbeit empfehlen kann. Den dort verwendeten Stil muss ich dann natürlich an die Besonderheiten meiner Arbeit anpassen.

 

Wenn ich verstanden habe, wie auf meinem Fachgebiet wissenschaftliche Arbeiten gegliedert werden, bin ich in der Lage, für meine Arbeit eine einfache und folgerichtige Gliederung zu entwerfen. Diesen Entwurf bespreche ich mit meinem Betreuer. Wenn ich den Text meiner Arbeit schreibe und zu neuen Erkenntnissen komme, muss ich den Entwurf eventuell später noch ändern.