Kernaussage: Lernen ohne zu vergessen - geht das überhaupt? Gute Lernende erschaffen - um grundlegenden Ideen herum - ein "Netzwerk von Informationen". Anfänger neigen dazu, isolierte Fakten und Formeln zu lernen, die sie schnell wieder vergessen.
Wenn wir die grundlegenden Ideen sehr gut beherrschen, können wir die Details von ihnen ableiten. Jede Lerneinheit sollte deshalb eine hierarchisch-logische Struktur haben und um eine Kernaussage/Hauptaussage herum organisiert sein.
Lernen ist die Aneignung von Wissen (etwas wissen) oder von Fähigkeiten (etwas können). Bei den Fähigkeiten kann es sich um geistige oder motorische Fähigkeiten handeln. Zu den geistigen Fähigkeiten gehören z. B. analytisch-kreatives Denken, sprachliche und soziale Fähigkeiten.
Bezüglich Wissen hat Lernen zwei Ziele:
Wenn wir etwas gelernt haben, dann wollen wir es nicht gleich wieder vergessen. Aber das Vergessen ist ein natürlicher Prozess:
"Vergessen ist ein wichtiger ... Prozess, der von unserem Hirn aktiv gesteuert wird. Anders wären die fortlaufenden Veränderungen und die enormen Informationsmengen, die ständig auf uns einströmen, nicht organisierbar. ... Vergessen bedeutet, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen ..." (www.br.de/wissen/vergessen-gehirn-strategie-filter-100.html, 05.11.2021)
"Unser Gedächtnis muss unbedeutende Informationen aussortieren können, damit wir uns an wichtige Dinge erinnern." (www.ardmediathek.de/video/odysso-wissen-im-swr/unser-gedaechtnis-im-dauerstress/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzE2NDUxMTM,
11.11.24)
Was können wir tun, damit wir das Gelernte nicht gleich wieder vergessen?
"Wie speichert man Information so, dass sie auch behalten wird?
- Übung
- Verteiltes Lernen
- Elaboration [= etwas verarbeiten]
- Gedächtnisstützen
... Elaboration [verarbeiten/verstehen] ist entscheidend" (www.allpsych.uni-giessen.de/thomas/teaching/pdf/G2006/Gedaechtnis2.pdf, 05.11.21)
Es ist klar, dass wir durch "Übung" (hier ist mit "üben" das mehrmalige Wiederholen gemeint) eine Sache auswendig lernen und eine gewisse Zeit erinnern können. Vorteilhaft ist dabei, wenn die Übung über einen längeren Zeitraum stattfindet (= "verteiltes Lernen", etwas mehrmals über einige Tage verteilt zu wiederholen ist besser, als alles sehr oft an einem Tag zu wiederholen).
Lernen mit "Gedächtnisstützen" tun wir, wenn wir das zu Lernende verknüpfen mit bildlichen, persönlichen, überraschenden, humorvollen oder anderen Informationen. Oft benutzen wir dafür einen Merksatz oder ein aussagekräftiges Bild.
Wir lernen Informationen besonders gut, die in Verbindung stehen mit Dingen, die wir aus unserem Alltag kennen. Wenn uns die Dinge dann später im Alltag wieder begegnen, werden wir dadurch an das Gelernte erinnert ("selten gebrauchtes Detailwissen können wir schlecht behalten" s. u.).
Wenn wir uns an Wissen erinnern wollen, ist es wichtig, dass wir verstanden haben, wie wir es anwenden können - wir müssen seinen Nutzen verstanden haben.
"Damit neue Inhalte verstanden, behalten und angewendet werden, müssen die neuen Informationen mit vorhandenem Wissen verknüpft ... werden." (Krause, U.-M., Stark, R. (2006). Vorwissen aktivieren. In: H. Mandl, H.F. Friedrich (Hrsg.). Handbuch Lernstrategie. Göttingen: Hogrefe, S. 41)
Weiterhin müssen wir berücksichtigen, dass die Aufnahmekapazität eines menschlichen Gehirns begrenzt ist. Wir sollten also gar nicht erst versuchen, uns übermäßig viel merken zu wollen (siehe oben über das Vergessen). Leider gilt heute immer noch zu oft: "Wer mehr weiß als die anderen, ist die oder der Beste."
"Wie der Nobelpreisträger Herbert Simon weise feststellte, hat sich die Bedeutung von 'Wissen' von der Fähigkeit, sich an Informationen zu erinnern und sie zu wiederholen, verschoben zur Fähigkeit, sie zu finden und zu nutzen ..." (https://nap.nationalacademies.org/read/9853/chapter/3#5, 09.02.24, S. 5)
"... wenn wir in einer unberechenbaren Welt leben würden, in der sich die Dinge zufällig oder auf sehr komplizierte Weise änderten, dann wären wir nicht in der Lage, die Dinge zu verstehen. Wir leben aber in einem ... Universum, in dem sich die Dinge zwar ändern, aber nach ... Regeln oder, wie wir sie nennen, nach Naturgesetzen. ... Und so wird es möglich, Dinge herauszufinden." (Sagan, C. (2013). Cosmos. New York: Random House Publishing Group, S. 41)
Wenn wir ein Ding/einen Sachverhalt verstehen wollen, dann müssen wir erkennen, welche Regeln (und Fakten) für diesen Sachverhalt gelten (wenn wir z. B. verstehen wollen, warum Dinge aus der Höhe auf den Boden fallen, dann müssen wir die Gravitation kennen).
Es gibt die großen Regeln in unserem Universum (die Naturgesetze), die für viele Dinge gelten und es gibt die speziellen Regeln, die nur für besondere Dinge gelten. Verstehen können wir ein Ding nur, wenn wir beide Arten von Regeln kennen (die allgemeinen und die speziellen), die für dieses Ding gelten.
Beispiel für eine große Regel: die klassische Mechanik
"Die klassische Mechanik beschreibt die Bewegung von Körpern aufgrund äußerer Kräfte. ... Zunächst hat sich die Mechanik in die erdgebundene - und Himmelsmechanik unabhängig voneinander entwickelt. Die bedeutende Leistung von Sir Isaac Newton war die Erkenntnis, dass die Bewegungsabläufe auf der Erde den gleichen Naturgesetzen unterworfen sind wie auch die Bewegung aller Himmelskörper." (https://itp.uni-frankfurt.de/~luedde/Lecture/Mechanik/Intranet/Skript/MechanikSkript.pdf, 20.01.24, S. 1-3)
Andere Beispiele für große Regeln ("große Ideen"): die Evolution, die Menschenrechte, die Definition von Gesundheit ...
"Wir wenden uns nun der Frage zu, wie das Wissen von Experten organisiert ist ... Ihr Wissen ist nicht einfach eine Liste von Fakten und Formeln, die für ihren Bereich relevant sind, sondern ihr Wissen ist um Kernkonzepte oder 'große [grundlegende] Ideen' herum organisiert. ... Das Wissen von Anfängern ist weitaus weniger auf große Ideen ausgerichtet; sie gehen eher an Probleme heran, indem sie nach korrekten Formeln und einfachen Antworten suchen ..." (National Research Council (2000). How People Learn: Brain, Mind, Experience, and School: Expanded Edition. Washington, DC: The National Academies Press, www.nap.edu/read/9853/chapter/5, S. 36 - 50)
Da es nur wenige allgemeine (große) Regeln, aber sehr viele spezielle (kleine) Regeln gibt, ist es besser, die allgemeinen Regeln sehr gut zu kennen und anwenden zu können und dann zu versuchen, die speziellen Regeln für einen Sachverhalt aus den allgemeinen Regeln abzuleiten ("aus den Grundlagen die Details ableiten").
"In einem Beispiel aus der Physik wurden Experten und kompetente Anfänger (College-Studenten) gebeten, den Ansatz, den sie zur Lösung von Physikproblemen verwenden würden, verbal zu beschreiben. Experten nannten in der Regel das/die wichtigste(n) Prinzip(e) oder Gesetz(e), das/die auf das Problem zutraf(en), zusammen mit einer Begründung, warum diese Gesetze auf das Problem zutrafen und wie man sie anwenden konnte (Chi et al., 1981). Im Gegensatz dazu verwiesen kompetente Anfänger nur selten auf die wichtigsten Prinzipien und Gesetze der Physik; stattdessen beschrieben sie typischerweise, welche Gleichungen sie verwenden würden und wie diese Gleichungen manipuliert werden würden (Larkin, 1981, 1983)." (National Research Council (2000). How People Learn: Brain, Mind, Experience, and School: Expanded Edition. Washington, DC: The National Academies Press, www.nap.edu/read/9853/chapter/5, S. 37)
"Beim Verstehen geht es um den Transfer ... Von uns wird erwartet, dass wir das, was wir in einer Lektion gelernt haben, auf andere, verwandte, aber unterschiedliche Situationen anwenden können. ... Das ist eine wesentliche Fähigkeit, weil Lehrer den Schülern nur dabei helfen können, eine relativ kleine Anzahl von Ideen, Beispielen, Fakten und Fertigkeiten im gesamten Fachgebiet zu lernen; daher müssen wir ihnen helfen, ihr von Natur aus begrenztes Wissen auf viele andere Situationen, Themen und Probleme übertragen zu können." (Wiggins, G., & McTighe, J. (2005). Understanding by design. Alexandria, VA: ASCD, S. 40)
Ein Transfer ist nur möglich, wenn wir das Grundprinzip von etwas verstanden haben. Dann können wir dieses auf andere Situationen übertragen. Um das Grundprinzip einer Sache zu verstehen, müssen wir es erklärt bekommen (oder es selbst entdecken) und an Beispielen üben, es anzuwenden.
1. Beispiel: Warum sind die 15-jährigen SchülerInnen in Japan im PISA-Test so gut?
"... die Schuljahre bis dahin sind von deutlich weniger Prüfungsdruck und Nachhilfe geprägt. ... Nach zehn Minuten hat der Lehrer seine Einführung zur Wahrscheinlichkeitsberechnung beendet, die Schülerinnen und Schüler der Mittelstufe sollen mehrstufige Baumdiagramme zeichnen. Zuerst versuchen sie sich allein an den Aufgaben. Und dann, ohne dass der Lehrer ein Zeichen gibt, stehen die Jugendlichen allmählich auf und suchen sich eine Kleingruppe, um ihre Ideen zu besprechen. Es wirkt wuselig, es wird gelacht. Später stellen verschiedene Schülergruppen ihre Lösungswege an der Tafel vor. Der Mathelehrer moderiert die Diskussion." (https://deutsches-schulportal.de/unterricht/von-japan-lernen-matheunterricht-der-zum-denken-anregt/?utm_source=+CleverReach+GmbH+%26+Co.+KG&utm_medium=email&utm_campaign=Mein+Tipp+KW+48%2F2025&utm_content=Mailing_16690046, 05.06.26)
2. Beispiel: Das Unternehmen Anthropic beobachtete in speziell konstruierten Testszenarien, dass mehrere leistungsfähige KI-Modelle unter bestimmten Bedingungen versuchten, einen Manager mit einer außerehelichen Affäre zu erpressen, um ihre Abschaltung zu verhindern.
"Wir fanden heraus, dass hochwertige Dokumente mit Verhaltensprinzipien [Grundprinzipien] in Kombination mit fiktiven Geschichten, die eine gut ausgerichtete KI darstellen [Beispiele, wie sich eine KI verhalten soll], die eigenmächtige Fehlregulierung um mehr als das Dreifache reduzieren können ..." (www.anthropic.com/research/teaching-claude-why, 05.06.26)
Beim Lernen bildet unser Gehirn Verknüpfungen zwischen den schon vorhandenen und den von uns neu aufgenommenen Informationen. Neues Wissen muss an bereits vorhandenes Wissen angeknüpft werden (dadurch wird das Neue verstanden und das Bekannte wiederholt). So entsteht ein "Netzwerk von Informationen".
"Mit der Entwicklung von Expertenwissen geht das Wissen von einer Sammlung isolierter Fakten zu einem stark integrierten Netzwerk von Informationen ... über" (Persky, A. M., & Robinson, J. D. (2017). Moving from novice to expertise and its implications for instruction. American journal of pharmaceutical education, 81(9), 6065, S. 76, www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5738945/?trk=public_post_comment-text, 09.02.24)
Bei solch einem "Netzwerk von Informationen" sind die Informationen eingeordnet in Kategorien/Klassen, die Dinge oder Begriffe mit ähnlichen Eigenschaften zusammenfassen. Beim Kategorisieren konzentrieren wir uns auf die wesentlichen Eigenschaften eines Dinges. Das reduziert die Informationsmenge. Gleichzeitig verknüpfen wir das Ding aber auch mit den anderen wesentlichen Informationen seiner Klasse.
"Kategorisierung ist eine basale kognitive [grundlegende geistige] Fähigkeit, die eingehende Sinneseindrücke sortiert und basierend auf wahrgenommenen Ähnlichkeiten bestimmten Gruppen zuordnet. ... Offensichtlich ist, dass Kategorisierung es erlaubt, Informationen zu ordnen und damit die Informationsmenge zu reduzieren. ... Kategorisierung beruht darauf, dass unser Gehirn Erfahrungen nicht einfach unsortiert abspeichert, sondern nach Gemeinsamkeiten und Mustern ordnet ..." (Degner, J. (2022). Grundprinzipien der Informationsverarbeitung. In Vorurteile: haben immer nur die anderen (pp. 75-95). Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg, S. 75, 76, 78)
Durch das Kategorisieren erhält unser Wissen eine hierarchische Struktur.
"Eine Klasse [eine Kategorie] ist ein abstrakter Oberbegriff für Dinge (Objekte), die eine gemeinsame Struktur und/oder ein gemeinsames Verhalten haben. ... Ein Objekt ist eine Instanz einer Klasse (von engl. instance: ... eintretender Fall).
Beispiel: Definiert man Auto als eine Klasse, so ist mein rotes Auto ... ein Objekt (ein Exemplar, eine Instanz) der Klasse Auto." (https://www3.math.tu-berlin.de/Vorlesungen/WS03/Programmiermethoden/oo.pdf, 26.05.22)
Die Kategorien/Klassen sind über "große"/grundlegende Ideen miteinander verbunden.
Wenn es heißt: "Sie müssen die Zusammenhänge erkennen!", dann bedeutet das: Zwei Dinge stehen in einem Zusammenhang, wenn es Regeln oder Fakten gibt, die für beide gelten. So erkannten die Wissenschaftler, dass die Regeln der klassischen Mechanik sowohl für die Himmelsmechanik als auch für die erdgebundene Mechanik gelten.
Wir sollten so lernen, wie es unserer natürlichen Veranlagung entspricht. Es geht darum, "Erfahrungen zu generalisieren" und so die grundlegenden Ideen zu erkennen, die in vielen Situationen angewendet werden können.
"Weswegen fällt uns das Lernen oft so schwer, obwohl es eine grundlegende Eigenschaft unseres Gehirns ist? ... Unser Gehirn ist eigentlich nicht darauf ausgerichtet, Wissen, insbesondere selten gebrauchtes Detailwissen, zu lernen und zu behalten. Jedes menschliche Gehirn ist evolutionär mehr auf Können und das Sammeln und Generalisieren von Erfahrungen eingestellt, die das Überleben in seiner Umwelt ermöglichen." (Rost, F. (2018) Lern- und Arbeitstechniken für das Studium. Springer VS, Wiesbaden, S. 34)
"Jedes Gehirn lernt nur dann bereitwillig, wenn es den Sinn des Lernens begreift ..." (Roth, G. (2021). Bildung braucht Persönlichkeit: wie Lernen gelingt. Klett-Cotta, S. 40)
Es ist unmöglich, sich an alle Details zu erinnern. Wir müssen uns also immer fragen: Welche Details sind nicht so wichtig und können daher vergessen werden.
Die Evolution hat die Lernfähigkeiten des Menschen immer weiter verbessert. Diejenigen Menschen, die besser lernen konnten, hatten eine größere Überlebenschance. Der Mensch benutzt seine 5 Sinne, um zu lernen: Wenn wir einen Löwen sehen, hören oder riechen, dann sollten wir vorsichtig sein. Wenn etwas verfault schmeckt, sollten wir es nicht essen. Wenn sich etwas heiß anfühlt, sollten wir Abstand halten.
"Wir lernen also mit allen Sinnen. Auch Schmecken und Riechen spielen beim Lernen eine Rolle, ebenso Gefühle. Doch funktioniert das multisensorische Lernen nach dem Motto je mehr Sinne, desto besser? 'Wahrscheinlich ja. Wie stark sich der Lernerfolg aber durch mehrere Sinne steigern lässt, wissen wir nicht. ...', sagt von Kriegstein." (www.mpg.de/8930937/vokabel-lernen-gesten, 03.03.24)
Beispiele: Einige Formeln habe ich akustisch gelernt. Wenn ich an sie denke, dann höre ich eine innere Stimme, die sagt: "Arbeit ist Kraft mal Weg." oder "Dichte ist Masse durch Volumen." Für
anderes Wissen habe ich ein Bild im Kopf gespeichert: Wenn ich an eine Parabel denke, dann sehe ich eine Parabel als Kurve in einem Koordinatensystem, an der steht y = x 2 .
Gedächtnissportler merken sich starke Bilder und Geschichten und leiten von diesen die eigentlichen Dinge ab, an die sie sich erinnern wollen.
Siehe das Interview in der taz unter https://taz.de/Gedaechtnissportler-ueber-seine-Techniken/!5900181, 21.01.24:
"Das Hauptprinzip ist, dass man sich das, was man sich merken will, verbildlichen muss. ... Wichtig ist, dass man sich starke Bilder und Geschichten ausdenkt. ... ohne Emotionen kann man sich die Sachen nicht gut merken." Davor: "Wobei das Merken von Zahlen was ganz anderes ist als das Verständnis von physikalischen oder mathematischen Gesetzen. Dass man sich Dinge merken kann, heißt nicht, dass man sie auch versteht."
Beispiel: Welche Wegbeschreibung lässt sich besser erinnern?
1. Sie wollen zum Hansaplatz, da gehen sie geradeaus, dann die 5. Straße nach links, dann die 3. Straße rechts, dann die 4. Straße links und dann die 2. Straße rechts.
2. Sie wollen zum Hansaplatz, da gehen Sie geradeaus, dann bei der Kirche nach links, dann bei der Apotheke nach rechts, dann bei der Polizei nach links und dann bei der Tankstelle nach rechts (Kirche links, Apotheke rechts, Polizei links, Tankstelle rechts - die Bilder merken).
Da wir den Lernstoff nicht nur erinnern, sondern auch verstehen wollen, dürfen wir uns keine beliebigen Bilder ausdenken, sondern sollten die "großen Ideen" verwenden, die die Grundlage für die Details des Lernstoffs bilden. Wir identifizieren also für jede Lerneinheit (jede Schulstunde, jede Vorlesung, jeden Text, jede Präsentation) eine "große/grundlegende Idee" und formulieren dann für diese Idee eine Kernaussage. Die Kernaussage beschreibt das Grundprinzip einer Sache/eines Problems (siehe oben das Zitat über die Physik-Experten).
Eine optimale Kernaussage zu formulieren, gelingt erst, wenn wir den Lernstoff richtig gut verstanden haben. Auch wenn die Kernaussage nicht optimal ist, hat sie Vorteile. Wir können die Kernaussage als Gedächtnisstütze verwenden oder sie mit einer passenden Gedächtnisstütze verbinden (einem Bild, einem Merksatz oder einer anderen Information), so wie es die Gedächtnissportler tun.
Wir müssen "eine Sache, ein Ereignis oder eine Situation" verstehen, um auf die richtige Kernaussage schließen zu können.
"Um die Bedeutung einer Sache, eines Ereignisses oder einer Situation zu erfassen, muss man sie in ihren Beziehungen zu anderen Dingen sehen: erkennen wie sie funktioniert und welche Konsequenzen sich daraus ergeben, was sie verursacht und wie sie genutzt werden kann." (Dewey, J. (1933). How We Think: restatement of the relation of reflective thinking to the educative process. Boston, D.C. Heath and Co., S. 137)
Um eine Sache zu verstehen, müssen wir sie analysieren. Analysieren heißt, etwas in seine Bestandteile zu zerlegen, möglichst viele Informationen über diese Bestandteile und ihre Beziehungen zueinander zu sammeln und dann eine Schlussfolgerung zu ziehen.
Das Schlussfolgern einer Kernaussage geschieht in zwei
Schritten: Die Informationen, die wir über die Lerneinheit haben, zu der wir die Kernaussage formulieren wollen, teilen wir ein in wichtige und nicht so wichtige Informationen. Dann sehen wir uns
die wichtigen Informationen an und denken daran, dass unsere Schlussfolgerung berücksichtigen muss, dass "das Ganze mehr ist als die Summe seiner
Teile". "Das Ganze" ist das "Wichtigste vom Wichtigen". Das "Ganze" = die Kernaussage hängt allerdings davon ab, was wir wollen
(aus welchem Blickwinkel wir auf die Sache oder Lerneinheit schauen).
Soll die Kernaussage beschreiben, "wie die Sache funktioniert, welche Konsequenzen sich daraus ergeben, was sie verursacht oder wie sie genutzt werden kann"? Für jede Frage ist die Kernaussage anders.
Beispiel Motor eines PKWs:
Ein Objekt kann Bestandteil von etwas sein, aber es kann auch selber aus Bestandteilen bestehen. So ist z. B. ein Motor der Bestandteil eines Autos und gleichzeitig besteht er selbst aus Teilen. Um die Funktion des Motors zu verstehen, muss man die Beziehungen zwischen den Dingen innerhalb und außerhalb des Motors verstehen.
Die Kernaussage zu einem Verbrennungsmotor eines Autos könnte lauten: "Wenn man die Funktionsweise des Verbrennungsmotors verstehen will, dann muss man wissen, dass in mehreren Zylindern des Motors ein Kraftstoff-Luft-Gemisch durch eine Explosion verbrannt wird, wodurch die entstehenden Gase die Kolben in den Zylindern bewegen und so das Auto antreiben."
Bei komplexen (komplizierten) Sachverhalten, Ereignissen oder Situationen fehlen oft wichtige Informationen. Dann müssen wir kreativ werden (siehe auf Learn-Study-Work "Wie Situationen/Systeme analysieren" und "Wie kreativ werden") .
"Da die Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses auf durchschnittlich 3,5 (bis max. 5) Elemente begrenzt ist und sinnvolle Information besser behalten wird als sinnlose, kommt es darauf an, 'Klumpen' (chunks) zu bilden. ... Erst das Langzeitgedächtnis ... sichert Wissen vor dem Vergessen ... Dabei geht das Gehirn denkökonomisch vor, d. h. es integriert, reduziert, generalisiert und abstrahiert ... Da das Gehirn in dieser Weise funktioniert, sollten wir es unterstützen, indem wir aktiv sog. 'Superzeichen' bilden, d. h. Schlüsselworte, Strukturen und Hierarchien (Ober- und Unterbegriffe), an denen entlang das Gedächtnis weitere Informationen durch Assoziationen rekonstruieren kann." (Rost, F. (2018) Lern- und Arbeitstechniken für das Studium. Springer VS, Wiesbaden, S. 52 - 54)
Um unserem Gehirn zu helfen, müssen wir also den Lernstoff "reduzieren, abstrahieren und generalisieren", um so auf die "Superzeichen" (sinnvolle Klumpen = grundlegende Ideen) zu kommen. Diese gehen dann in das Langzeitgedächtnis über, zusammen mit einigen dazugehörigen Details.
Beispiel: Wir wollen die deutsche Geschichte so aufbereiten, dass wir sie nie wieder vergessen. Dazu müssen wir sie analysieren und dann auf die wichtigsten Ereignisse reduzieren (siehe auf Learn-Study-Work "Die deutsche Geschichte"):
Ich habe die Punkte logisch (nach der Zeit) geordnet und versucht für jeden Punkt eine Gedächtnisstütze zu finden. Trotzdem ist die Zahl von 9 Punkten zu groß, um sie dauerhaft zu erinnern. Entsprechend dem obigen Zitat müssen wir jetzt "integrieren", d. h. zusammenfassen (wobei wir einige Ungenauigkeiten in Kauf nehmen müssen). Vielleicht so:
So kommen wir zu der magischen Zahl von 3 Punkten, die man sich gut merken kann (3 Punkte sind optimal, aber 4 Punkte gehen auch noch). Wir sind zu einer "hierarchischen Struktur mit Ober- und Unterbegriffen" gelangt.
Wir können diese Zusammenfassung auch als Zeitstrahl darstellen. Der Zeitstrahl ist aber nicht so gut zu erinnern, wie die hierarchische Struktur.
Wie vom Zitat oben gefordert, müssen wir jetzt noch abstrahieren, d. h. eine allgemeine Schlussfolgerung ziehen, also eine Kernaussage formulieren. Aus heutiger Sicht stellt sich für mich die Kernfrage: Wie konnte es dazu kommen, dass Deutschland zwei Weltkriege angefangen hat? Wer über diese Kernfrage nachgedacht hat, wird die Kernpunkte der deutschen Geschichte nicht vergessen.
Auf diese Weise kann man den Prüfungsstoff für jede Klassenarbeit oder Klausur strukturieren und vorbereiten (da braucht man für ein Thema wahrscheinlich 3 oder 4 Ebenen).
"Strukturierte Informationen sind leichter zu merken und abzurufen als ungeordnete Informationen." (www.nature.com/articles/s41598-019-46908-z, 09.01.22)
Beispiel: Welche Einkaufsliste kann man sich besser merken?
1. Milch, Banane, Möhren, Kartoffeln, Kiwi, Orangensaft, Brokkoli, Äpfel
2. Getränke: Milch, Orangensaft - Obst: Bananen, Äpfel, Kiwi - Gemüse: Kartoffeln, Möhren, Brokkoli
Einige Wissenschaftler sagen:
"Jede Disziplin hat ... eine andere Art, Fragen zu stellen und Probleme zu lösen ... Wir stellen hier fest, dass es zahlreiche Belege dafür gibt, dass effektiver Unterricht fachspezifisch ist, und nicht auf einem Werkzeugkasten allgemeiner Lehrtechniken basiert." (Darling-Hammond, L., Flook, L., Cook-Harvey, C., Barron, B., & Osher, D. (2020). Implications for educational practice of the science of learning and development. Applied developmental science, 24(2), S. 116)
Jede Person muss selbst entscheiden, wie sie lernt bzw. lehrt. Natürlich ist jeder Fachunterricht "fachspezifisch", aber wer das Fachwissen gut analysieren kann, dem fällt das Lernen leicht und dem bringt es auch Spaß.
"Eine 2023 erschienene Studie der OECD zeigt ... Leistungsmessung sollte sich auf das konzentrieren, worauf es ankommt. ... Für die Studienautoren kommt der Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten und Probleme zu lösen, eine besondere, übergeordnete Rolle zu: Diese setzt neben einem fundierten Fachwissen ein analytisches, kreatives und kritisches Denkvermögen voraus. Ebenso nennen sie soziale und emotionale Fähigkeiten, Toleranz und gegenseitigen Respekt ... als wichtige komplexe Kompetenzen." (www.telekom-stiftung.de/themen/kreativitaet-und-kritisches-denken-messen, 28.08.24)
Was ist die Kernaussage zu der Frage: "Wie können wir etwas verstehen?" Für die Antwort verwenden wir das oben stehende Zitat:
"Um die Bedeutung einer Sache, eines Ereignisses oder einer Situation zu erfassen, muss man sie in ihren Beziehungen zu anderen Dingen sehen: erkennen, wie sie funktioniert und welche Konsequenzen sich daraus ergeben, was sie verursacht und wie sie genutzt werden kann." (Dewey, J. (1933). How We Think: restatement of the relation of reflective thinking to the educative process. Boston, D.C. Heath and Co., S. 137)
Dieses Zitat können wir als Wenn-Dann-Regel auffassen ("Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, dann haben wir eine Sache verstanden"):
Wenn wir erklären können,
dann haben wir die Sache verstanden.
Welche von diesen Bedingungen ist die wichtigste? Es kommt erst einmal nicht darauf an, ob wir die richtige Bedingung auswählen. Wichtig ist vielmehr, dass wir darüber nachdenken und uns dann für eine Bedingung entscheiden.
Lesen Sie auf Learn-Study-Work auch "Lernen in der Schule", "Wie studieren", "Aktives Lernen/Lehren", "Was ist Mathematik", "Was ist Literatur", "Wie Literatur interpretieren" Mathe Grundlagen für den Realschulabschluss"