Was ist Literatur und wie wird sie interpretiert?

Kernaussage: Literatur sind alle veröffentlichten Schriften. Die fiktonale Literatur (= literarische Texte) ist unterteilt in poetische Literatur und Unterhaltungsliteratur. Poetische Literatur vermittelt eine "Moral" (eine lehrreiche Aussage), die sich durch eine Interpretation erschließt. Nur wer versteht, wie poetische Texte entstehen, kann sie "richtig" interpretieren.

 

Was ist ein Text?

Definition: Ein Text ist eine Folge schriftlicher Sprachzeichen, die mindestens eine Aussage hat.

 

Eine beliebige Folge von Buchstaben (z. B. gnirsevput) oder Wörtern ohne Aussage ist kein Text. 

 

"Ein Text ist ein Kommunikationsinstrument, mit dem ein Autor einem Leser eine Mitteilung über einen Sachverhalt macht. Der Autor versucht dabei das Bewusstsein des Lesers mittels sprachlicher Formulierungen so zu steuern, dass der Leser versteht, was der Autor meint." (Schnotz, W. (2006). Textverständnis, in: Rost, D.H. (Hrsg.). Handwörterbuch Pädagogische Psychologie. (3. Aufl.), Weinheim: Psychologie Verlags Union, S. 769-777)

 

"Texte sind sinnvolle Verknüpfungen sprachlicher Zeichen ..." (Weinrich, H. (1993). Textgrammatik der deutschen Sprache. Unter Mitarbeit von Maria Thurmair ... Mannheim [u.a.]: Dudenverlag, S. 17)

 

Was ist Literatur?

Das Wort Literatur leitet sich ab von dem lateinischen Wort "literatura" = Buchstabenschrift. Literatur wird im weiten Sinne als alles Geschriebene und im engeren Sinne als Dichtkunst definiert:

 

"Gero von Wilpert (Autor und Literaturwissenschaftler, 1933-2009) sah die Literatur im engeren Sinn als die Gesamtheit der "Sprachkunstwerke", die besonderen ästhetischen Kriterien genügen und in ihrer höchsten Form Dichtung sind. Welche Kriterien das sind, sagte er allerdings nicht." (www.br.de/telekolleg/faecher/deutsch/literatur/01-literatur-fakten-100.html, 11.08.19)

 

Es gab Versuche diese Kriterien festzulegen, sie konnten sich aber nicht durchsetzen:

 

"Der Literaturbegriff der neuen Literaturwissenschaft gibt die Unterscheidung zwischen Literatur in quantitativen (jede Art schriftlicher Kommunikation) und qualitativen Sinn (das eigentlich "Literarische" oder "Poetische") weitgehend auf." (Volker Meid. Sachwörterbuch zur deutschen Literatur. Stuttgart 1999; Reclam Taschenbuch 2001)

 

Eine andere Darstellung:

 

"1. Alte Definition: Schrifstück, das ein Autor/eine Autorin nach bestimmten ästetischen Regeln schreibt. ... Diese Regeln konnte man in einer Poetik (= Lehre von der Dichtkunst) finden. Am wichtigsten für die westliche Literatur waren die Poetik von dem Griechen Aristoteles und die Dichtkunst von dem Römer Horaz. ...

2. Neue Definition: Alles, was geschrieben ist, ist Literatur." (http://oregonstate.edu/instruct/ger343/litdef.htm, 11.08.19)

 

Da es nicht möglich ist, sich auf die Kriterien für eine genaue (enge) Definition zu einigen, muss die weite Definition gelten: "Alles, was geschrieben ist, ist Literatur". Ich würde diese Definition aber eingrenzen auf alle Schriften, die für die Öffentlichkeit geschrieben wurden. Private Schriften sollen auch privat bleiben. Erst wenn eine berühmte Person gestorben ist, werden ihre privaten Briefe veröffentlicht (wenn die Erben zustimmen) und gehören dann zur Literatur.

 

Meine Definition: Literatur sind alle veröffentlichten Schriften.

 

Dazu gehören jetzt auch Bildergeschichten und Hörbücher. Die Literaturwissenschaft zählt sogar mündlich Überliefertes zur Literatur.

 

Wie wird die Literatur unterteilt?

Jeder Text hat zwei Seiten: den Inhalt der Aussage und den Stil der Aussage. Der Stil bei einem Text ist Art und Weise, wie die Aussage präsentiert wird (siehe auf Learn-Study-Work "Wie einen guten Text schreiben?"). 

 

Also lässt sich die Literatur nach dem Inhalt und nach dem Stil (der Form) einteilen und wenn man davon ausgeht, das es zu jeder Zeit eine typische Literatur gab, auch nach Epochen.

 

"Die Gliederung der Weltliteratur erfolgt sprachlich in verschiedene Nationalliteratur, zeitlich in Epochen, formal [nach ihrem Stil] in Gattungen, inhaltlich nach Motivgruppen, Stoffen usw." (Gero von Wilpert. Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart 1969 (5. Aufl.) Kröner Verlag 2001)

Was ist Literatur? alle veröffentlichten Schriften. Einteilung in Sachbücher, fiktionale Literatur/literarische Texte (Bellestristik) und andere Schriften. Fiktion ist poetische Literatur und Unterhaltungsliteratur. Poetik ist Epik, Lyrik, Dramatik.

Inhaltlich erfolgt die Einteilung der Literatur in fiktionale Literatur (Fiktion, Belletristik = schöne Literatur), Sachbücher und andere Schriften. Die Sachbücher werden dann weiter unterteilt in Fachgebiete (entsprechend ihrem Inhalt). Die fiktionale Literatur, die auch als "literarische Texte" bezeichnet wird, unterteilt sich in die Poetische Literatur und in die Unterhaltungsliteratur.

 

"Weil literarische Texte, wenn sie Mögliches bzw. Vorgestelltes beschreiben, etwas erfinden, werden sie auch fiktionale Texte genannt ..." (www.br.de/alphalernen/faecher/deutsch/2-literarische-nicht-literarische-texte-literatur-102.html, 23.02.22)

 

Bezüglich der fiktionalen Literatur stellt sich die Frage, warum ich diese mit Belletristik gleichsetze.

 

"Die Belletristik ging aus dem Buchhandelssegment der Belles Lettres (frz. „schöne Literatur“) hervor. Im 17. Jahrhundert entstand sie zwischen dem Markt gelehrter Fachliteratur der Wissenschaften ... und dem Markt billiger, zumeist sehr roh gestalteter Bücher für das „einfache Volk“ (→ Volksbuch). ... Die Begriffsverengung der schönen Literatur auf die poetische Nationalliteratur wurde besonders vehement im deutschen Sprachraum durchgesetzt ... Heute wird der Begriff der Belletristik oft für reine Unterhaltungsliteratur gebraucht.[4] ... Anders als die Literatur ist die Verwendung des Worts Belletristik auf den Buchhandelsbereich beschränkt." (https://de.wikipedia.org/wiki/Belletristik, 23.08.21)

 

Es gibt zwei Möglichkeiten das Wort "Belletristik" zu definieren: als fiktionale Literatur oder als Unterhaltungsliteratur. Da der Buchhandel auch die poetische Literatur unter der Bezeichnung "Belletristik" führt, entscheide ich mich für die Definiton der "Belletristik" als fiktionale Literatur (ob so oder anders, das ist keine wichtige Entscheidung) . Die fiktionale Literatur teilt sich dann auf in die Unterhaltungsliteratur (ohne allgmeine Lehre) und die poetische Literatur im Sinne Aristoteles (mit allgemeiner Lehre).

 

Die Unterhaltungsliteratur lässt "... sich leicht lesen, ohne groß über das Geschriebene nachzudenken" (https://praxistipps.focus.de/belletristik-bedeutung-des-begriffs-einfach-erklaert_126473, 23.08.21)

 

Was poetische Literatur ist, erklärt Aristoteles:

 

"2. Der Geschichtsschreiber und der Dichter ... unterscheiden sich nämlich nicht durch die gebundene oder ungebundene Rede, denn man könnte das Werk des Herodot in Verse setzen und es würde nach wie vor eine Art Geschichtsdarstellung sein ... Der Unterschied ist vielmehr der, daß jener, was sich zugetragen darstellt, dieser, was sich hätte zutragen können.

3. Deshalb ist die Poesie philosophischer und höher einzuschätzen als die Geschichtsschreibung denn die Poesie stellt mehr das Allgemeine, die Geschichtsschreibung das Einzelne dar. Das Allgemeine besteht darin, daß dem so oder so Beschaffenen es zukommt, so oder so zu reden oder zu handeln und darauf richtet die Dichtkunst bei der Namensgebung ihr Augenmerk ..." (aus: Aristoteles: Poetik. Übersetzt u. herausgegeben von Manfred Fuhrmann, Stuttgart, 1982, S.29)

 

Der Geschichtsschreiber schreibt ein Sachbuch und der Dichter eine Poesie mit einer "allgemeinen" lehrreichen Aussage (einer Moral). Die Poesie dient also nicht nur zu Unterhaltungszwecken und wird deshalb nicht zur Unterhaltungsliteratur gezählt. Die Grenze zwischen poetischer Literatur und Unterhaltungsliteratur ist fließend (s. u.).

 

Ich verwende hier den Begriff "poetische Literatur", um auf die Urheberschaft Aristoteles hinzuweisen.

 

"Als Poesie (von altgriechisch ποίησις poíesis „Erschaffung“) bezeichnet man erstens einen Textbereich, dessen Produktion traditionell nach den poetischen Gattungen geteilt wird. Nach Aristotelischer Poetik (so das Wort für die Theorie der Poesie) sind dies Drama, Epos und kleinere lyrische Gattungen. ... Die Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts, die sich vom Poesiebegriff zunehmend verabschiedet hatte, reklamierte gleichzeitig historische Kontinuität für sich. In der Regel geht mit ihr die Unterstellung einher, dass die „literarischen Gattungen“ schlicht die poetischen nach Aristoteles sind, und dass hier allenfalls Worte gewechselt wurden ..." (https://de.wikipedia.org/wiki/Poesie, 23.11.21)

 

Die poetische Literatur wird nach ihren Stil eingeteilt in literarische Gattungen:

 

"Auch heute noch gelten epische, lyrische und dramatische Texte als die drei Grundformen der Literatur, d. h. als die drei literarischen Großgattungen – im Wissen, dass es vielfältige Unterformen, Ausdifferenzierungen und Mischformen gibt. Ein gängiges Unterscheidungskritierium bildet dabei nach Rüdiger Zymner (2007, S. 262) das "Redekriterium": "Einzelrede in lyrischen, Wechselrede in dramatischen, Erzähler- und Figurenrede in epischen Texten". Aber auch hier gilt: Ausnahmen bestätigen die Regel." (www.br.de/alphalernen/faecher/deutsch/4-literarische-gattungen-literatur-102.html, 20.08.21, Rüdiger Zymner: Gattung, in: Dieter Burdorf/Christoph Fasbender/Burkhard Moennighoff (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen, Stuttgart 2007, S. 261-262)

 

(Die drei literarischen Gattungen sind kurz und verständlich erklärt auf der gerade zitierten Webseite des Bayerischen Rundfunks.)

 

Wenn ein Dichter einen poetischen Text verfassen will, muss er entscheiden, was der Text aussagen und welche Form er haben soll. Soll der Text eine Art Gedicht (lyrischer Text), ein Theaterstück (dramatischer Text), eine Erzählung (epischer Text) sein oder eine Mischform sein?

 

Wie wird die poetische Literatur von der Unterhaltungsliteratur unterschieden?

"Aufgabe von Literatur solle es sein, zu nützen und zu erfreuen. ...  Auch heute noch ist die Vorstellung verbreitet, im Idealfall leiste Literatur tatsächlich beides: Einerseits erfreut sie uns, das heißt sie führt zu Genuss, Spannung, Entspannung und schenkt uns schöne und ausgefüllte Stunden. Andererseits bereichert sie uns durch Gedanken, Ideen, neue Sichtweisen und lehrt uns auf diese Weise, macht uns nachdenklich, regt uns zum Weiterdenken an oder fordert zum kritischen Überprüfen heraus. (www.br.de/alphalernen/faecher/deutsch/5-hochliteratur-trivialliteratur100.html, 23.11.21)

 

Meiner Meinung nach ist es nicht notwendig, dass poetische Literatur den Leser erfreut, sondern dass sie im Idealfall eine wichtige moralische Aussage so überzeugend darstellt, dass die Welt sich verändert. Das unterscheidet sie von Unterhaltungsliteratur. Poetische Literatur kann, muss aber nicht angenehm sein. So führen Tragödien nicht zu Genuss, Entspannung und schönen Stunden.

 

Beispielsweise die "Joanne K. Rowlings Harry Potter-Romane. Ein globaler Bestseller, also Massenliteratur? Wohl eher lässt sich von sehr populärer, ebenso spannender wie durchaus anspruchsvoller Abenteuer- und Fantasy-Literatur sprechen." (www.br.de/alphalernen/faecher/deutsch/5-hochliteratur-trivialliteratur100.html, 23.11.21, Probleme und Grenzen der Unterscheidungen)

 

Kann man etwas "Anspruchsvolles" von den Harry Potter-Romanen lernen? "Das Gute siegt über das Böse" ist in jedem Hollywood-Film enthalten und keine anspruchsvolle Moral. Für mich gehören diese Romane zur Unterhaltungsliteratur.

 

Die poetische Literatur ist nicht per Definition besser als die Unterhaltungsliteratur. Je wichtiger und überzeugender die moralische Aussage, umso höher ist die Qualität der poetischen Literatur. Je unterhaltsamer, umso höher ist die Qualität der Unterhaltungsliteratur. Bei beiden gibt es gute und schlechte Beispiele. Die Grenze zwischen poetischer Literatur und Unterhaltungsliteratur ist fließend.

 

Warum muss poetische Literatur interpretiert werden?

Definition: Eine Interpretation ist das subjektive Verstehen von etwas.

 

Eine subjektives Verstehen setzt voraus, dass etwas auf unterschiedliche Weise verstanden werden kann. Die Aussage 2 + 2 = 4 kann nicht interpretiert werden, weil sie so definiert wurde und deshalb nur auf eine Weise verstanden werden kann. Poetische Texte hingegen können unterschiedlich verstanden werden, weshalb es die "richtige" Interpretation nicht gibt.

 

"Interpretation, die sich ernst nimmt, sagt: "... ich sehe das so und so." Sie macht eine Aussage über die eigene Stellung zum Text und untermauert gegebenenfalls durch überprüfbare Argumente deren Gültigkeit. ... Literaturwissenschaftliche Interpretation unterscheidet sich von der alltäglichen Textauslegung vor allem durch den Anspruch methodischer Reflexion [durch die Anwendung literaturwissenschaftlicher Methoden]. ... Zu wissen, welche Fragen an literarische Texte gestellt werden können, wie man sie systematisch stellt und welchen möglichen Gewinn ihre Beantwortung verspricht: das ... trägt zur Erkenntnis des literarischen Textes ... bei." (Schutte, J. (2005). Einführung in die Literaturinterpretation, Stuttgart, Weimar: Verlag J. B. Metzler, S. 16-18)

 

Ein Sachtext sollte so verständlich geschrieben sein, dass es für die Zielleser nur eine Interpretationsmöglichkeit gibt. Unterhaltungsliteratur will hauptsächlich Spannung und Mitgefühl erzeugen und ist deshalb meistens auch gut zu verstehen. Die poetische Literatur aber will eine "Moral" (eine lehrreiche Aussage) vermitteln und diese erschließt sich nur durch eine Interpretation.

 

"Literarische [poetische] Texte versteht man meist nicht auf Anhieb. Sie haben eine komplexe Struktur und fordern die analytische Leistung der Leser/innen in besonderer Weise heraus. Die Leser/innen müssen Aussagen in mehreren – zunächst verborgenen – Schichten des Textes entdecken und sie zueinander in Beziehung setzen. Literarische Texte sind zudem oft mit sogenannten Leerstellen versehen: Einiges wird nicht ausgesprochen, sodass die Leser/innen die Bedeutung des Textes erst aktiv herstellen müssen." (Biermann, H. & 6 mehr (1999). Texte, Themen und Strukturen – Allgemeine Ausgabe. Deutschbuch für die Oberstufe / Schülerbuch, Berlin: Cornelsen, S. 460.)

 

Ein poetischer Text lässt also Raum für Interpretationen. Die Leser sollen darüber nachdenken, ob das was dargestellt wird, wirklich so geschehen könnte und warum es so geschehen könnte (siehe das Zitat von Aristoteles oben). Sie sollen sich fragen: "Was will uns der Dichter sagen?" und aus dem Text eine allgemeine Lehre ziehen. Es gibt nicht die "richtige" Interpretation, aber wenn eine Interpretation zu vielen inhaltlichen und stilistischen Aussagen eines Textes passt, dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie mit der Absicht des Dichters übereinstimmt. Genau genommen beantwortet eine Interpretation also die Frage: "Was will uns der Dichter mit seinem Werk höchstwahrscheinlich sagen?"

 

Beispiel: "Das Bettelweib von Locarno" von Heinrich von Kleist

 

"An der Textoberfläche erscheint Das Bettelweib von Locarno als recht harmlose Gespenstergeschichte ... Stattdessen lässt Kleist den Erzähler sich in zahlreiche Widersprüche verwickeln, die allerdings von den Lesern – meist unwillkürlich – aufgelöst werden ... Entsprechend den vielen Widersinnigkeiten des Textes gibt es zahlreiche, sich teilweise diametral widersprechende Interpretationsmöglichkeiten." (https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Bettelweib_von_Locarno, 06.03.22)

 

Poetische Literatur interpretieren und analysieren

Es gibt die Auffassung, der Begriff "Textinterpretation" sollte für poetische Texte und der Begriff "Textanalyse" für Sachtexte (pragmatische Texte) verwendet werden.

 

"Die Differenzierung zwischen den Begriffen, je nachdem, ob sie sich auf
einen literarischen oder pragmatischen Text beziehen, erscheint willkürlich
... Unter einer Textanalyse/Interpretation versteht man die schriftliche Darstellung eines Textverständnisses. Dieses lässt sich als Ergebnis der Frage
auffassen: Was sagt uns der Text wie und warum auf diese besondere Weise
über ein bestimmtes Thema?" (https://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/fileadmin/bbb/themen/sprachbildung/Lesecurriculum/Leseprozesse/Texterschliessung/Texterschliessung.pdf, 04.03.22, S. 47)

 

Das Wort Text leitet sich ab von dem lateinischen Wort Textus, was Gewebe bedeutet. Ist ein Text ein Gewebe von Buchstaben, Wörtern oder Sätzen? Nein, ein Text ist ein "Gewebe" von Aussagen. Wenn die Aussagen gut zueinander passen, dann bekommt der Text einen Sinn. Um den Sinn eines Textes zu verstehen, muss man ihn analysieren. Analysieren heißt, von ewas, einem "Ganzen" (dem Text) die Teile (die Aussagen) zu untersuchen und dann eine Schlussfolgerungen über das "Ganze" (die Hauptaussage des Textes) zu ziehen. Dabei muss man berücksichtigen: "Das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile."

 

"Eine Analyse (von griech. ἀνάλυσις análysis „Auflösung“) ist eine systematische Untersuchung, bei der das untersuchte Objekt in seine Bestandteile (Elemente) zerlegt wird. ... Insbesondere betrachtet man Beziehungen und Wirkungen ... zwischen den Elementen. Gegenbegriff zu Analyse („Auflösen in Einzelbestandteile“) ist Synthese („Zusammensetzen von Elementen zu einem System“)." (https://de.wikipedia.org/wiki/Analyse, 24.11.21)

 

Eine Analyse und eine Synthese gehören immer zusammen. Die Synthese ist die Schlussfolgerung aus der Untersuchung der Teile. Wenn wir sagen: "Das werde ich analysieren.", dann meinen wir: "Ich werde das analysieren und eine Schlussfolgerung ziehen." Eine Analyse ohne Schlussfolgerung macht keinen Sinn.

 

Einer der größten Fehler, den man beim Analysieren machen kann, ist vorschnell eine Schlussfolgerung zu ziehen. Diese dann oft falsch ist (nur wenn man keine Zeit hat, muss man dieses Risiko eingehen). Bei einer vorschnellen Schlussfolgerungen berücksichtigt man nur die Hinweise, die für diese sprechen. Dadurch übersieht andere mögliche Schlussfolgerungen. Schon im Song "The Boxer" von Simon & Garfunkel heißt es: "Still a man hears [seas] what he wants to hear [see] and disregards the rest." Der erste Gedanke ist nicht immer der beste:

 

"2) Hauptteil (= Erarbeitung)
■ Formulierung einer Deutungshypothese, ausgehend vom eigenen ersten
Verständnis der Textvorlage ...

3) Schluss (= Ergebnis der Erarbeitung)
Die Analyse und Deutung schließt mit einem Fazit ab, d. h. einer Schlussfolgerung, die aus den Beobachtungen zum Text gezogen wird und mit der Ausgangshypothese verglichen wird. Hat sie sich bestätigt? Ist sie zu ergänzen, einzuschränken?" (https://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/fileadmin/bbb/themen/sprachbildung/Lesecurriculum/Leseprozesse/Texterschliessung/Texterschliessung.pdf, 04.03.22, S. 48/49)

 

Dürfte ich schreiben: "Wie ich gezeigt habe, ist meine oben gemachte Deutungshypothese falsch. Jetzt habe ich eine neue Deutungshypothese, aber leider keine Zeit mehr, diese zu begründen."?

 

Bei der Analyse/Interpretation eines Textes sollte man also zuerst alle möglichen Deutungshypothesen auflisten und dann untersuchen, welche die "richtige" ist.

 

Beispiel: Die Kurzgeschichte "Im Glaskasten" von Jagoda Marinić handelt von einer alten Dame, die in dem Kino einer kleinen Stadt in einem Glaskasten sitzt und Tickets verkauft. Frage: Geht es in der Kurzgeschichte um den Glaskasten, das Kino, die alte Dame oder um das Leben in einer kleinen Stadt? Im ersten Teil der Kurzgeschichte werden die Worte "kleine Stadt" viermal vewendet. Dies ist ein Hinweis darauf, dass es um das Leben in einer kleinen Stadt geht (in einer Großstadt würde die alte Dame niemanden auffallen). Die Bestimmung, worum es in der Kurzgeschichte geht, ist eine wichtige Vorarbeit für das Aufstellen von Deutungshypothesen.

 

Die Unterscheidung von Inhalt und Stil

Grundsätzlich kann man bei einem Text den Inhalt von dem Stil (= der Form) unterscheiden: Der Stil ist die Erscheinungsform von etwas. Der Inhalt gibt an, was man tut (schreibt) und der Stil, wie man es tut (schreibt). 

 

Der Stil ist die  "Art und Weise, etwas mündlich oder schriftlich auszudrücken, zu formulieren" (www.duden.de/rechtschreibung/Stil, 28.02.22)

 

Leider wird das Wort "Stil" unterschiedlich verwendet.

 

"Form bezeichnet in der Literaturwissenschaft die äußere Gestaltung oder Erscheinung eines sprachlichen Kunstwerks. Als solche steht die Form im Gegensatz zu Stoff und Inhalt ... Zur äußeren Form eines Textes zählt die Literaturwissenschaft Genre und Stil. ... Zur inneren Form eines Textes ... gehört dagegen die spezifische Gestaltung des Inhalts oder des Stoffs mit sprachlichen Elementen." (www.rossipotti.de/inhalt/literaturlexikon/sachbegriffe/form.html, 28.02.22)

 

Für den gleichen Inhalt (die gleiche "Moral") kann ein unterschiedliches Genre bzw. eine unterschiedliche Textsorte gewählt werden. Die Frage nach der Textsorte ist also auch ein Wie-Frage. Deshalb sind für mich die Form und der Stil das Gleiche. Man könnte bei Texten zwischen dem äußeren und inneren Stil unterscheiden.

 

Die wichtigsten Textsorten sind bei der Epik: Roman, Novellen, Erzählungen, Parabel, Kurzgeschichten und Fabeln, bei der Lyrik: Sonett, Hymne, Epigramm, Ode, Elegie, Lied und Ballade, beim Drama: Kommödie und Tragödie. (siehe www.br.de/alphalernen/faecher/deutsch/4-literarische-gattungen-literatur-102.html, 12.03.22)

 

Die literarischen Epoche können oft auch an ihrem Stil erkannt werden.

 

"Epochen bezeichnen einen Zeitraum, in dem ein bestimmter Gedanke, eine Leitidee oder die Verbindung bestimmter Ideen prägend waren" (www.br.de/alphalernen/faecher/deutsch/6-literarische-epochen-literatur100.htm, 12.03.22)

 

Was wäre ein guter Schreibstil?

 

Ein guter "Stil entsteht durch Klarheit, Einfachheit, Aufrichtigkeit und Ordnung …" (William Strunk, jr. (1959). The Elements of Style)

 

Wenn ein poetischer Text durch eine Interpretation klar und einfach wird, scheint es sich um die "richtige" Interpretation des Textes zu handeln. Weil aber jede Interpretation subjektiv ist, kann es trotzdem noch andere "richtige" Interpretationen geben. Wer "richtig" interpretieren will, muss verstehen, wie ein poetischer Text entsteht.

 

Wie entsteht ein poetischer Text?

Angenommen eine Autorin möchte mit einem poetischen Text zu einem Thema eine lehrreiche Aussage machen. Was müsste sie tun?

 

1. Idee und Wissensvertiefung

Die Autorin wählt für ihre Idee, die Hauptaussage (= Moral), eine Gattung aus (z. B. ein Gedicht, eine Kurzgeschichte oder ein Theaterstück). Damit sie in ihrem Werk alle Aspekte (alle Bedeutungen) dieser Aussage überzeugend darstellen kann, muss sie zu dem Thema ein umfangreiches Wissen besitzen und dieses eventuell noch weiter vertiefen.

 

Der Nobelpreisträger von 1978, Isaac B. Singer (1902 – 1991) sagt in seiner Autobiografie „Verloren in Amerika“ (S. 100):

"damals wußte ich schon, daß ein Schriftsteller nur über Menschen und Dinge schreiben kann, die er gut kennt." (www.br.de/telekolleg/faecher/deutsch/literatur/12-literatur-nachgefragt-100.html, 07.03.22)

 

Auf der Grundlage ihres vertieften Wissens entscheidet sie, welche Aspekte ihrer Hauptaussage sie besonders hervorheben und welche sie weglassen will. Dann kann sie beginnen, den Inhalt (die Bestandteile/Elemente) ihres Werkes zu planen.

 

2. Welche Sachen (Gegenstände) oder Figuren sollen vorkommen?

Ein Sachtext würde versuchen, eine Moral möglichst verständlich zu erklären. Ein poetischer Text zeigt den Lesern Situationen oder Ereignisse, die sie betroffen machen sollen.

 

"Gute literarische [poetische] Texte sind Texte, die über das rein Persönliche hinausgehen und etwas Grundlegendes über unsere menschliche Existenz, unsere elementaren existentiellen Erfahrungen, wie Einsamkeit, Fremdheit, Rollenzwang, Scheitern, Aufstieg und Fall, Unausweichlichkeit von Schuld, Rätselhaftigkeit des Lebens usw., aussagen. Sie wollen nicht nur unterhalten, sondern den Leser auch emotional betroffen machen ..." (https://schreibszene.ch/images/PDFs/Andreotti_Die_Struktur_der_modernen_Literatur_Leseprobe_Kapitel_12.pdf, 07.03.22, S. 392)

 

Ein Roman z. B. will Spannung erzeugen:

"Ich aber war von der Tatsache überzeugt, daß Spannung das Wesentliche ist im Leben wie in der Kunst. ... Was notwendig war, das waren verzwickte Situationen und echte Dilemmas und Krisen. Ein Roman muß seinen Leser fesseln. ... (Singer S.150)." (www.br.de/telekolleg/faecher/deutsch/literatur/12-literatur-nachgefragt-100.html, 07.03.22)

 

Situationen oder Ereignissen drehen sich um Sachen oder Figuren. Deshalb muss die Autorin entscheiden, welche sie für ihr Werk vewenden will.

 

3. Was soll die Handlung sein? Welche Motive sollen vorkommen?

Was ist ein Motiv? Ein Text besteht meist aus mehreren Aussagen. Beziehen sich eine oder mehrere Aussagen auf ein kleines Unterthema, welches in der Literatur oder in dem Text wiederholt auftritt, dann handelt es sich um ein Motiv des Textes.

 

Das Motiv ... in der Literatur ist ... ein erzählerischer Baustein, „eine kleinere stoffliche Einheit, die ... ein inhaltliches, situationsmäßiges Element darstellt“[1]. (https://de.wikipedia.org/wiki/Motiv_(Literatur), 06.03.22)

 

Ein Motiv ist ein wichtiger Baustein, aber ein poetischer Text besteht nicht nur aus Motiven. Was sind die Bausteine eines poetischen Textes? Ein Film und ein Theaterstück sind aus Szenen aufgebaut:

 

"Mit Film bezeichnet man das gesamte Werk. Jeder Film ist ähnlich wie ein Theaterstück in einzelne Akte eingeteilt. ... Ein Akt lässt sich in einzelne Szenen teilen. Eine Szene ist der Teil eines Aktes, der zur gleichen Zeit an einem bestimmten Ort oder in einem bestimmten Sinnzusammenhang spielt. Eine Szene kann man in verschiedene Einstellungen ... aufteilen. Die Einstellung ist die kleinste Einheit eines Films." (https://cms.sachsen.schule/trickfilm/theorie/aufbau-eines-films-filmteile, 06.03.22)

 

"Um ein Theaterstück sinnvoll proben zu können, wird es traditionell in Einheiten unterteilt, während denen sich die Anzahl der Darsteller auf der Bühne nicht ändert. Wenn jemand auftritt oder abgeht, beginnt eine neue Szene. ... Von der Einteilung in Szenen unterscheidet sich die Einteilung in Akte bzw. Aufzüge, die sich aus der Handlungslogik ergibt ... " (https://de.wikipedia.org/wiki/Szene_(Theater), 06.03.22)

 

Ein Akt bei einem Film oder Theaterstück entspricht einem Kapitel bei einer Erzählung bzw. einer Strophe bei einem Gedicht, einer Szene entspricht die Beschreibung einer Situation oder einem Ergeignis und eine Einstellung entspricht einer Aussage. Eine Situation ist ein System von Elementen zu einem bestimmten Zeitpunkt (siehe auf Learn-Study-Work "Wie Situationen = Systeme analysieren?").

 

Die Bausteine eines epischen oder lyrischen Textes sind also die (lebendigen) Beschreibungen von Situationen und Ereignissen. Mit ihnen kann eine Handlung aufgebaut werden.

 

Die "Handlung ist die Folge von Ereignissen in einem literarischen Werk." (www.rossipotti.de/inhalt/literaturlexikon/sachbegriffe/handlung.html, 06.03.22)

 

"Ein Ereignis ... ist im allgemeinen Sinn eine Situation, die durch Dynamik oder Veränderung gekennzeichnet ist. Das Gegenteil eines Ereignisses ist ein „Zustand“: eine Situation ohne Veränderung oder Dynamik. Eine klassische Definition ist, dass ein Ereignis darin besteht, dass ein Übergang von einem Zustand in einen anderen Zustand stattfindet.[2] (https://de.wikipedia.org/wiki/Ereignis, 06.03.22)

 

Eine Geschichte z. B. kann nicht nur aus Ereignissen bestehen, sie muss auch Situationen ohne Veränderungen beschreiben. Diese Beschreibungen sind wichtig, damit der Leser das kommende Ereignis versteht: An einem bestimmten Ort unterhalten sich zwei Personen (= Situation ohne Veränderung). Dann geraten die Personen in Streit und sie schlagen sich (= Ereignis). Im Anschluss wird die Situation nach der Schlägerei beschrieben. Die Beschreibungen von Situationen und Ereignissen sind also die Bausteine einer Handlung.

 

Beispiel: Goethes Gedicht "Lust und Qual" aus dem Jahre 1820

 

"Knabe saß ich, Fischerknabe,
Auf dem schwarzen Fels im Meer,
Und bereitend falsche Gabe,
Sang ich, lauschend rings umher −
Angel schwebte lockend nieder,
Gleich ein Fischlein streift und schnappt −
Schadenfrohe Schelmenlieder,
Und das Fischlein war ertappt.

...

Im 2. Vers der ersten Strophe steht der bestimmte Artikel ... : Der Fischerknabe sitzt nicht auf einem Fels im Meer, sondern auf dem schwarzen Fels im Meer. ... Wozu der schwarze Fels im Meer? ...

Hier nun offenbart sich der poetologische Plan, wie Gerigk (2001) das nennt, der Bogen ist gespannt von der Kindheit, in der man auf dem schwarzen Fels aus dem Meer aufgetaucht ist, bis zu dem Augenblick, zu dem man sich bereitmachen muss, in das ewige Meer hinabzusteigen ... − Lust und Qual des Lebens eben ...

Wir verstehen auch den schwarzen Fels im Meer, ... schwarz als „Repräsentant der Finsternis" ... gegen die der unbekümmerte Knabe steht." (www.pedocs.de/volltexte/2020/21181/pdf/Didaktik_Deutsch_2013_34_Ossner_Erklaeren_und_Zeigen.pdf, 06.03.22, S. 42-44)

 

Die erste Strophe des Gedichts beschreibt eine Situation: Das lyrische Ich sitzt als Fischerknabe auf einem schwarzem Felsen am Meer und angelt, wobei er singt. Der Knabe tut zwar etwas, aber das sind keine Ereignisse (der Übergang zwischen Situation und Ereignis ist fließend). Dann kommt es zu einem Ereignis: ein Fisch beißt an. Die Deutung der Strophe ist, dass der Knabe eine glückliche und "unbekümmerte" Kindheit hat.

 

4. Welche Struktur soll der Text haben?

Die Teile eines Ganzen sind in einer bestimmten Art und Weise angeortnet. Die Art der Anordnung ist die Struktur. Die Teile eines Ganzen können unterschiedlich angeordnet, d. h. unterschielich sturkturiert sein.

 

Ein Text ist ein "Gewebe" von Aussagen. Meist werden die Aussagen in der Form eines Satzes gemacht. Damit ein Text gut zu verstehen ist, müssen die Sätze in einer logischen Reihenfolge stehen, damit sich ein Sinn ergibt (Fachbegriff: der Text muss kohärent sein).

 

Beispiel: Die Sonne ist ein Stern. Mein Hund heißt Hasso. Diese beiden Sätze stehen in keinem sinnvollen Zusammenhang. Dieser ergibt erst, wenn es heißt: Heute scheint die Sonnen. Deshalb gehe ich mit meinem Hund spazieren.

 

Auch bei einem poetischen Text muss die Autorin den Inhalt logisch sinnvoll planen, so dass sich überzeugende Sinnabschnitte ergeben.

 

Dann "... können wir den poetologischen Plan, „die Verfahrensweise des poetischen Geistes" (Hölderlin, hier zit. nach Gerigk ebd., S. 164) gut erkennen ..." (www.pedocs.de/volltexte/2020/21181/pdf/Didaktik_Deutsch_2013_34_Ossner_Erklaeren_und_Zeigen.pdf, 06.03.22, S. 44)

 

Wenn z. B. eine Figur Teil des Textes ist, dann muss diese auch auf die eine oder andere Weise vorgestellt werden. Wie diese Figur vorgestellt wird ist auch eine Frage des Stils. Deshalb wird die Struktur im Zusammenhang mit den Stilmittel noch einmal diskutiert.

 

5. An welchem Ort  und zu welcher Zeit soll die Handlung spielen?

Der Ort muss zu dem Inhalt (zu dem Milieu und der Atmosphäre, die durch den Inhalt beschrieben werden) und zu dem Motiv des Textes passen. Die Autorin muss sich entscheiden, ob sie ihr Werk in einer bestimmter Zeit (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) zurechnen will ober ob es eher zeitlos sein soll, wie z. B. ein Gedicht über die Schönheit eines Gartens.

 

6. Welchen Titel soll das Werk haben?

Die Autorin könnte sich schon Gedanken über den Titel ihres Werkes machen. Zwischen Titel und Werk soll ein Zusammenhang bestehen.

 

Was sind Stilmittel und wie werden sie eingesetzt?

Die Autorin möchte, dass die Leser über ihre Aussagen nachdenken, weshalb sie diese verschlüsselt. Das heißt, der Inhalt der Aussagen wird lückenhaft dargestellt und ist nur im Kombination mit den verwendeten Stilmitteln zu verstehen. Die Stilmittel werden auch dazu benutzt, um bestimmte Teile der Aussage zu veranschaulichen, zu betonen oder um Gefühle/Betroffenheit zu erzeugen. Sie muss für jedes Element ihres Werkes den richtigen (= wirkungsvollen) Stil wählen.

 

Ein Stilmittel ist "einen Stil kennzeichnendes Ausdrucksmittel". (www.duden.de/rechtschreibung/Stilmittel, 11.03.22)

 

Leider herrscht oft keine Klarheit, was zum Stil und zu den Stilmittel gehört:

 

"Analyse der Art und Weise, wie bestimmte inhaltliche Aussagen (=was?) dargestellt sind: Zusammenhang von Inhalt, Struktur, Sprache (Syntax [Satzlehre], Bilder, rhetorische Mittel) ... " (https://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/fileadmin/bbb/themen/sprachbildung/Lesecurriculum/Leseprozesse/Texterschliessung/Texterschliessung.pdf, 04.03.22, S. 48)

 

Die wichtigsten Stilmittel sind für mich die Sprache, die Struktur und die Vortragsweise und ansonsten alles, was nicht zum Inhalt gehört.

 

1. Die Sprache

Die Sprache verwendet Wörter, um nach den Regeln der Grammatik Sätze zu bilden. Werden die Worte und Sätze richtig verwendet, dann ergibt sich ein Sinn. Der Sinn kann davon abhängen, in welcher Situation die Wörter und Sätze verwendet werden.

 

"Bei der Untersuchung der lexikalischen Komponente ist die Einheit Wort sowie deren Struktur und Erkennung von Interesse. Die Syntax fragt nach den Regeln zur korrekten Kombination von Wörtern im Satz. Die Semantik fragt nach der Zuordnung von Wortmarke zu realem Objekt [nach der Bedeutung von Wörtern, Sätzen oder Texten]." (Beyer. R. & Gerlach, R. (2018). Sprache und Denken. Lehrbuch Basiswissen Psychologie. Wiesbaden: Springer Fachmedien, S. 9)

 

Die Autorin muss für ihren Inhalt die Worte so auswählen und die Sätze so bilden, dass der Leser durch Nachdenken den Sinn versteht und dadurch betroffen ist (etwas fühlt). Dazu muss sie "sprachliche Auffälligkeiten" benutzen. Diese können die Wortwahl, den Satzbau und rhetorische Mittel betreffen.

 

Hier eine grobe Einteilung der rhetorische Mittel nach ihrer Wirkung (ein rhetorisches Mittel kann mehrere Wirkungen haben):

  • zur Veranschaulichung: Akkumulation, Lautmalerei, Metapher, Neologismus, Personifikation, Vergleich
  • zur Betonung: Alliteration, Anapher, Chiasmus, Ellipse, Emphase, gleichklingende Lautung, Inversion, Klimax/Antiklimax, Metapher, Oxymoron, Parallelismus, Vergleich
  • zum Erzeugen von Gefühlen: Antithese, Ellipse, Euphemismus, Hyperbel, Interjektion, Inversion, Ironie, Oxymoron, Symbol

Die Definitionen der rhetorischen Mittel mit Beispielen können im Internet leicht gefunden werden.

 

Beispiel: Goethes Gedicht "Lust und Qual" oben

Der schwarze Felsen ist ein rhetorisches Mittel, er kann ein Symbol für den Tod am Ende des Lebens.

 

2. Die Struktur

Wieviel Strophen ein Gedicht, wieviel Kapitel ein Roman oder wieviel Akte ein Theaterstück hat ist nicht nur eine Frage des Inhalts.

 

3. Die Vortragsweise

Bei einem Gedicht gibt es ein lyrisches Ich, dass den Inhalt vorträgt.

 

"Das lyrische Ich kommt nur in der Lyrik vor. In dramatischen und epischen, also erzählenden Texten, wird die sprechende Instanz als Erzähler bezeichnet. ... Fragen, die Sie sich bei der Analyse eines lyrischen Ichs stellen können, sind die nach transportierten Stimmungen, Welt- und Wertvorstellungen oder auch Fragen nach der Intuition des lyrischen Ich, also ob es beispielsweise manipulativ wirkt oder ob ironische oder sarkastische Aussagen tätigt."(https://praxistipps.focus.de/lyrisches-ich-der-begriff-einfach-erklaert_117386, 11.03.22)

 

Ein epischer Text kann aus unterschiedlichen Perspektive erzählt werden, aus der Sicht einer Figur (Ich sagte ...) oder Sicht eines Erzählers (ER/Sie sagte ...), der über die Handlung berichtet.

 

"Ein episches Werk hat immer einen Erzähler, der uns die Geschichte präsentiert. Das ist eine fiktive Person, die entweder als ICH-Erzähler auftritt oder aus der ER/SIE-Position in dritter Person erzählt. In der ER/SIE-Perspektive kann der Erzähler neutral sein, aber auch aus der Sicht einer Person erzählen. ... Der Erzähler gewährt uns Einblick in die Gedanken, Gefühle und Geschehnisse rund um die handelnden Personen" (https://praxistipps.focus.de/merkmale-der-epik-eine-uebersicht_112179, 11.03.22)

 

Bei einem Drama ist kein Erzähler notwendig, denn der Zuschauer erfährt den Inhalt aus den Dialogen zwischen den Figuren und deren Handlungen.

 

Wie erkennt man die Stilmittel eines poetischen Textes?

Paraphrasieren ist das Wiederholen einer Aussage mit eigenen Worten.

 

"Wenn es um das Verstehen eines Textes geht, ist eine sprachliche Handlung grundsätzlicher als alle anderen − das ist das Paraphrasieren." (www.pedocs.de/volltexte/2020/21181/pdf/Didaktik_Deutsch_2013_34_Ossner_Erklaeren_und_Zeigen.pdf, 06.03.22, S. 40)

 

Der Autor dieses Zitates paraphrasiert das Gedicht "Lust und Qual" von Goethe (s. o.) so:

 

"Das lyrische Ich erzählt aus seiner Kindheit. Es sitzt fischend auf dem schwarzen Fels im Meer und ... singt, während es den Köder (falsche Gabe) zubereitet und zudem ringsumher lauscht, schadenfrohe Schelmenlieder, wobei ... die Angel lockend niederschwebt und gleich ein Fischlein, das umherstreift, nach dem Angelköder schnappt und schließlich anbeißt (Fischlein war ertappt)." (www.pedocs.de/volltexte/2020/21181/pdf/Didaktik_Deutsch_2013_34_Ossner_Erklaeren_und_Zeigen.pdf, 06.03.22, S. 41)

 

Um stilistische Auffälligkeiten zu entdecken, muss man aber ganz normales lyrische Ich sitzt als Fischerknabe auf einem schwarzem Felsen am Meer und angelt, wobei er singt. Ein Fisch beißt an.

 

Jetzt vergleiche ich meine Paraphrase mit dem Original. Mir fallen mehrere Besonderheiten auf, aber eine führt mich auf die "richtige" Spur: Es ist normal, dass ein "unbekümmerter" Knabe Schelmenlieder singt, aber warum singt er schadenfrohe Schelmenlieder? In der Strophe schadet er dem Fischlein und freut sich darüber. Der Knabe hat also keinen besonders guten Charakter.

 

"Die Angel schwebt lockend nieder, gleich streift ein Fischlein und schnappt (zu). Jetzt singt es (das lyrische Ich) schadenfrohe Schelmenlieder ... " (www.pedocs.de/volltexte/2020/21181/pdf/Didaktik_Deutsch_2013_34_Ossner_Erklaeren_und_Zeigen.pdf, 06.03.22, S. 42)

 

Die nächste Frage ist: Warum singt der Knabe und lauscht dabei? Das erinnert an Vögel, die singen und lauschen, ob das andere Geschlecht antwortet. Der Knabe stellt schon in seiner frühen Jugend den Mädchen nach. Dazu passt, dass das Wort Knabe im ersten Vers durch eine Wiederholung betont wird.

 

Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Fischerknabe im Meer angelt. Die entscheidende Frage für die Deutung des Gedichts ist: Warum tut er das auf dem schwarzen Fels? Ist der Fels bei allen Kindern schwarz, weil sie später einmal sterben müssen oder nur bei diesem Knaben, weil er einen "schwarzen" Charakter hat? Um die Frage "richtig" beantworten zu können, müsste man Hintergrundinformationen berücksichtigen, wie das Leben Göthes und seine anderen Werke.

 

Ich interpretieren das Gedicht so, dass der Knabe einen "schwarzen" Charakter hat (so wie nicht alle Menschen einen Pakt mit dem Teufel eingehen, sondern nur Faust). Meine erste Deutungshypothese (oben) sehe ich jetzt als "falsch" an.