Was ist Literatur und wie wird sie interpretiert?

Kernaussage: Wer im Fach "Deutsch" gut sein will, sollte die deutsche Sprache lieben.

 

Was ist ein Text?

Definition: Ein Text ist eine Folge schriftlicher Sprachzeichen, die mindestens eine Aussage hat.

 

Eine beliebige Folge von Buchstaben (z. B. gnirsevput) ist kein Text. Die Definition habe ich aus den folgenden Zitaten abgeleitet:

 

"Ein Text ist ein Kommunikationsinstrument, mit dem ein Autor einem Leser eine Mitteilung über einen Sachverhalt macht. Der Autor versucht dabei das Bewusstsein des Lesers mittels sprachlicher Formulierungen so zu steuern, dass der Leser versteht, was der Autor meint." (Schnotz, W. (2006). Textverständnis, in: Rost, D.H. (Hrsg.). Handwörterbuch Pädagogische Psychologie. (3. Aufl.), Weinheim: Psychologie Verlags Union, S. 769-777)

 

"Texte sind sinnvolle Verknüpfungen sprachlicher Zeichen ..." (Weinrich, H. (1993). Textgrammatik der deutschen Sprache. Unter Mitarbeit von Maria Thurmair ... Mannheim [u.a.]: Dudenverlag, S. 17)

 

Was ist Literatur?

Das Wort Literatur leitet sich ab von dem lateinischen Wort "literatura" = Buchstabenschrift. Literatur wird im weiten Sinne als alles Geschriebene und im engeren Sinne als "Schöne Literatur", als Dichtkunst, definiert:

 

"Gero von Wilpert (Autor und Literaturwissenschaftler, 1933-2009) sah die Literatur im engeren Sinn als die Gesamtheit der "Sprachkunstwerke", die besonderen ästhetischen Kriterien genügen und in ihrer höchsten Form Dichtung sind. Welche Kriterien das sind, sagte er allerdings nicht." (www.br.de/telekolleg/faecher/deutsch/literatur/01-literatur-fakten-100.html, 11.08.19)

 

Es gab Versuche diese Kriterien festzulegen, sie konnten sich aber nicht durchsetzen:

 

"Der Literaturbegriff der neuen Literaturwissenschaft gibt die Unterscheidung zwischen Literatur in quantitativen (jede Art schriftlicher Kommunikation) und qualitativen Sinn (das eigentlich "Literarische" oder "Poetische") weitgehend auf." (Volker Meid. Sachwörterbuch zur deutschen Literatur. Stuttgart 1999; Reclam Taschenbuch 2001)

 

Eine andere Darstellung:

 

"1. Alte Definition: Schrifstück, das ein Autor/eine Autorin nach bestimmten ästetischen Regeln schreibt. ... Diese Regeln konnte man in einer Poetik (= Lehre von der Dichtkunst) finden. Am wichtigsten für die westliche Literatur waren die Poetik von dem Griechen Aristoteles und die Dichtkunst von dem Römer Horaz. ...

2. Neue Definition: Alles, was geschrieben ist, ist Literatur." (http://oregonstate.edu/instruct/ger343/litdef.htm, 11.08.19)

 

Da es nicht möglich ist, sich auf die Kriterien für eine genaue (enge) Definition zu einigen, muss die weite Definition gelten: "Alles, was geschrieben ist, ist Literatur". Ich würde diese Definition aber eingrenzen auf alle Schriften, die für die Öffentlichkeit geschrieben wurden. Private Schriften sollen auch privat bleiben. Erst wenn eine berühmte Person gestorben ist, werden ihre privaten Briefe veröffentlicht (wenn die Erben zustimmen) und gehören dann zur Literatur.

 

Meine Definition: Literatur sind alle veröffentlichten Schriften.

 

Dazu gehören jetzt auch Bildergeschichten und Hörbücher. Die Literaturwissenschaft zählt sogar mündlich Überliefertes zur Literatur.

 

Wie wird die Literatur unterteilt?

Jeder Text hat zwei Seiten: den Inhalt der Aussage und den Stil der Aussage. Der Stil bei einem Text ist Art und Weise, wie die Aussage präsentiert wird (siehe auf Learn-Study-Work Wie einen guten Text schreiben?). 

 

Also lässt sich die Literatur nach dem Inhalt und nach dem Stil (der Form) einteilen und wenn man davon ausgeht, das es zu jeder Zeit eine typische Literatur gab, nach Epochen.

 

"Die Gliederung der Weltliteratur erfolgt sprachlich in verschiedene Nationalliteratur, zeitlich in Epochen, formal [nach ihrem Stil] in Gattungen, inhaltlich nach Motivgruppen, Stoffen usw." (Gero von Wilpert. Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart 1969 (5. Aufl.) Kröner Verlag 2001)

Was ist Literatur? alle veröffentlichten Schriften. Einteilung der Literatur in Sachbücher, fiktionale Literatur (Bellestristik) und andere Schriften. Fiktion ist poetische Literetur und Unterhaltungsliteratur. Poetik ist Epik, Lyrik, Dramatik.

Inhaltlich erfolgt die Einteilung der Literatur in Belletristik (schöne Literatur, Fiktion), Sachbücher und andere Schriften. Die Sachbücher werden dann weiter unterteilt in Fachgebiete (entsprechend ihrem Inhalt). Bezüglich der Belletristik stellt sich die Frage, wie sie definiert ist.

 

"Die Belletristik ging aus dem Buchhandelssegment der Belles Lettres (frz. „schöne Literatur“) hervor. Im 17. Jahrhundert entstand sie zwischen dem Markt gelehrter Fachliteratur der Wissenschaften ... und dem Markt billiger, zumeist sehr roh gestalteter Bücher für das „einfache Volk“ (→ Volksbuch). ... Die Begriffsverengung der schönen Literatur auf die poetische Nationalliteratur wurde besonders vehement im deutschen Sprachraum durchgesetzt ... Heute wird der Begriff der Belletristik oft für reine Unterhaltungsliteratur gebraucht.[4] ... Anders als die Literatur ist die Verwendung des Worts Belletristik auf den Buchhandelsbereich beschränkt." (https://de.wikipedia.org/wiki/Belletristik, 23.08.21)

 

Es gibt zwei Möglichkeiten das Wort "Belletristik" zu definieren: als fiktionale Literatur oder als Unterhaltungsliteratur:

  1. Fiktion oder fiktionale Literatur ist die Literatur, die nicht die Realität dokumentiert.
  2. Unterhaltungsliteratur lässt "... sich leicht lesen, ohne groß über das Geschriebene nachzudenken" (https://praxistipps.focus.de/belletristik-bedeutung-des-begriffs-einfach-erklaert_126473, 23.08.21)

Da der Buchhandel auch die anspruchsvolle poetische Literatur unter der Bezeichnung "Belletristik" führt, entscheide ich mich für die Definiton der "Belletristik" als fiktionale Literatur. Die fiktionale Literatur = Belletristik teilt sich dann auf in die reine Unterhaltungsliteratur (ohne allgmeine Lehre) und die poetische Literatur im Sinne Aristoteles (mit allgemeiner Lehre):

 

"2. Der Geschichtsschreiber und der Dichter ... unterscheiden sich nämlich nicht durch die gebundene oder ungebundene Rede, denn man könnte das Werk des Herodot in Verse setzen und es würde nach wie vor eine Art Geschichtsdarstellung sein ... Der Unterschied ist vielmehr der, daß jener, was sich zugetragen darstellt, dieser, was sich hätte zutragen können.

3. Deshalb ist die Poesie philosophischer und höher einzuschätzen als die Geschichtsschreibung denn die Poesie stellt mehr das Allgemeine, die Geschichtsschreibung das Einzelne dar. Das Allgemeine besteht darin, daß dem so oder so Beschaffenen es zukommt, so oder so zu reden oder zu handeln und darauf richtet die Dichtkunst bei der Namensgebung ihr Augenmerk ..." (aus: Aristoteles: Poetik. Übersetzt u. herausgegeben von Manfred Fuhrmann, Stuttgart, 1982, S.29)

 

Der Geschichtsschreiber schreibt ein Sachbuch und der Dichter eine Poesie, die aber nicht nur zu Unterhaltungszwecken dient und deshalb nicht zur Unterhaltungsliteratur zählt. Die Grenze zwischen poetischer Literatur und Unterhaltungsliteratur ist fließend (s. u.).

 

Ich verwende hier den Begriff "poetische Literatur", um auf die Urheberschaft Aristoteles hinzuweisen.

 

"Als Poesie (von altgriechisch ποίησις poíesis „Erschaffung“) bezeichnet man erstens einen Textbereich, dessen Produktion traditionell nach den poetischen Gattungen geteilt wird. Nach Aristotelischer Poetik (so das Wort für die Theorie der Poesie) sind dies Drama, Epos und kleinere lyrische Gattungen. ... Die Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts, die sich vom Poesiebegriff zunehmend verabschiedet hatte, reklamierte gleichzeitig historische Kontinuität für sich. In der Regel geht mit ihr die Unterstellung einher, dass die „literarischen Gattungen“ schlicht die poetischen nach Aristoteles sind, und dass hier allenfalls Worte gewechselt wurden ..." (https://de.wikipedia.org/wiki/Poesie, 23.11.21)

 

Die poetische Literatur wird nach ihren Stil eingeteilt in literarische Gattungen:

 

"Auch heute noch gelten epische, lyrische und dramatische Texte als die drei Grundformen der Literatur, d. h. als die drei literarischen Großgattungen – im Wissen, dass es vielfältige Unterformen, Ausdifferenzierungen und Mischformen gibt. Ein gängiges Unterscheidungskritierium bildet dabei nach Rüdiger Zymner (2007, S. 262) das "Redekriterium": "Einzelrede in lyrischen, Wechselrede in dramatischen, Erzähler- und Figurenrede in epischen Texten". Aber auch hier gilt: Ausnahmen bestätigen die Regel." (www.br.de/alphalernen/faecher/deutsch/4-literarische-gattungen-literatur-102.html, 20.08.21, Rüdiger Zymner: Gattung, in: Dieter Burdorf/Christoph Fasbender/Burkhard Moennighoff (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen, Stuttgart 2007, S. 261-262)

 

(Die drei literarischen Gattungen sind kurz und verständlich erklärt auf der zitierten Webseite des Bayerischen Rundfunks.)

 

Wenn ein Dichter einen poetische Text verfassen will, muss er entscheiden, was der Text aussagen und welche Form er haben soll. Soll er eine Art Gedicht (lyrischer Text), eine Art Theaterstück (dramatischer Text) oder eine Erzählung (epischer Text) sein?

 

Warum muss die poetische Literatur interpretiert werden?

Definition: Eine Interpretation ist das subjektive Verstehen von etwas.

 

Eine subjektives Verstehen setzt voraus, dass etwas auf unterschiedliche Weise verstanden werden kann. Die Aussage 2 + 2 = 4 kann nicht interpretiert werden, weil sie so definiert wurde und deshalb nur auf eine Weise verstanden werden kann. Texte hingegen können oft unterschiedlich verstanden werden.

 

"Interpretation, die sich ernst nimmt, sagt: "... ich sehe das so und so." Sie macht eine Aussage über die eigene Stellung zum Text und untermauert gegebenenfalls durch überprüfbare Argumente deren Gültigkeit. ... Literaturwissenschaftliche Interpretation unterscheidet sich von der alltäglichen Textauslegung vor allem durch den Anspruch methodischer Reflexion [durch die Anwendung literaturwissenschaftlicher Methoden]. ... Zu wissen, welche Fragen an literarische Texte gestellt werden können, wie man sie systematisch stellt und welchen möglichen Gewinn ihre Beantwortung verspricht: das ... trägt zur Erkenntnis des literarischen Textes ... bei." (Schutte, J. (2005). Einführung in die Literaturinterpretation, Stuttgart, Weimar: Verlag J. B. Metzler, S. 16-18)

 

Ein Sachtext sollte so verständlich geschrieben sein, dass es für die Zielleser nur eine Interpretationsmöglichkeit gibt. Bei der fiktionalen Literatur ist dies nur teilweise der Fall. Unterhaltungsliteratur will hauptsächlich Spannung und Mitgefühl erzeugen und ist deshalb meistens auch gut zu verstehen. Die poetische Literatur aber will hauptsächlich eine "Moral" (eine Aussage) vermitteln und diese erschließt sich nur durch eine Interpretation.

 

Bevor wir zu der Interpretation kommen, muss noch diese Frage beantwortet werden: Wie wird die poetische Literatur von der Unterhaltungsliteratur unterschieden?

 

"Aufgabe von Literatur solle es sein, zu nützen und zu erfreuen. ...  Auch heute noch ist die Vorstellung verbreitet, im Idealfall leiste Literatur tatsächlich beides: Einerseits erfreut sie uns, das heißt sie führt zu Genuss, Spannung, Entspannung und schenkt uns schöne und ausgefüllte Stunden. Andererseits bereichert sie uns durch Gedanken, Ideen, neue Sichtweisen und lehrt uns auf diese Weise, macht uns nachdenklich, regt uns zum Weiterdenken an oder fordert zum kritischen Überprüfen heraus. (www.br.de/alphalernen/faecher/deutsch/5-hochliteratur-trivialliteratur100.html, 23.11.21)

 

Der Idealfall ist nicht gegeben, wenn poetische Literatur nützt und erfreut, sondern wenn sie eine wichtige moralische Aussage so überzeugend darstellt, dass die Welt sich verändert, ob die Leser dabei "schöne Stunden" haben ist nebensächlich.

 

Beispiel "Joanne K. Rowlings Harry Potter-Romane. Ein globaler Bestseller, also Massenliteratur? Wohl eher lässt sich von sehr populärer, ebenso spannender wie durchaus anspruchsvoller Abenteuer- und Fantasy-Literatur sprechen." (www.br.de/alphalernen/faecher/deutsch/5-hochliteratur-trivialliteratur100.html, 23.11.21, Probleme und Grenzen der Unterscheidungen)

 

Kann man etwas "Anspruchsvolles" von den Harry Potter-Romanen lernen? Für mich gehören diese Romane zur Unterhaltungsliteratur.

 

Das Sprichwort sagt, es macht keinen Sinn Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Die poetische Literatur ist nicht per Definition besser als die Unterhaltungsliteratur. Je wichtiger und überzeugender die moralische Aussage, umso höher ist die Qualität der poetischen Literatur. Je unterhaltsamer, umso höher ist die Qualität der Unterhaltungsliteratur.

 

Ein poetischer Text lässt also Raum für Interpretationen. Die Leserin soll darüber nachdenken, ob das was dargestellt wird, wirklich so geschehen könnte und warum es so geschehen könnte (siehe das Zitat von Aristoteles oben). Sie soll aus dem Text eine allgemeine Lehre ziehen. Sie muss sich fragen: Was will uns der Dichter sagen?

 

"Literarische [poetische] Texte versteht man meist nicht auf Anhieb. Sie haben eine komplexe Struktur und fordern die analytische Leistung der Leser/innen in besonderer Weise heraus. Die Leser/innen müssen Aussagen in mehreren – zunächst verborgenen – Schichten des Textes entdecken und sie zueinander in Beziehung setzen. Literarische Texte sind zudem oft mit sogenannten Leerstellen versehen: Einiges wird nicht ausgesprochen, sodass die Leser/innen die Bedeutung des Textes erst aktiv herstellen müssen." (Biermann, H. & 6 mehr (1999). Texte, Themen und Strukturen – Allgemeine Ausgabe. Deutschbuch für die Oberstufe / Schülerbuch, Berlin: Cornelsen, S. 460.)

 

Wie wird die poetische Literatur interpretiert?

Das Wort Text leitet sich ab von dem lateinischen Wort Textus, was Gewebe bedeutet. Ist ein Text ein Gewebe von Buchstaben, Wörtern oder Sätzen? Ein Text ist ein "Gewebe" von Aussagen. Wenn die Aussagen gut zueinander passen, dann bekommt der Text einen Sinn. Um den Sinn eines Textes zu verstehen, muss man ihn analysieren.

 

"Eine Analyse (von griech. ἀνάλυσις análysis „Auflösung“) ist eine systematische Untersuchung, bei der das untersuchte Objekt in seine Bestandteile (Elemente) zerlegt wird. ... Insbesondere betrachtet man Beziehungen und Wirkungen ... zwischen den Elementen. Gegenbegriff zu Analyse („Auflösen in Einzelbestandteile“) ist Synthese („Zusammensetzen von Elementen zu einem System“)." (https://de.wikipedia.org/wiki/Analyse, 24.11.21)

 

"... das analytische Untersuchen von Inhalt, Struktur, Sprache (Stil)
und Form bildet die Grundlage der Interpretation. ...

Kennzeichnung der Struktur der Textvorlage: Einteilung in Sinnabschnitte ...
Analyse der Art und Weise, wie bestimmte inhaltliche Aussagen
(=was?) dargestellt sind: Zusammenhang von Inhalt, Struktur, Sprache
(Syntax, Bilder, rhetorische Mittel) und Form; fachgerechte Erfassung
von Form- und Strukturelementen ..." (https://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/fileadmin/bbb/themen/sprachbildung/Lesecurriculum/Leseprozesse/Texterschliessung/Texterschliessung.pdf, 27.11.21)

 

Was sind die Elemente eines Textes? Grundsätzlich kann man den Inhalt von dem Stil unterscheiden. Der Inhalt gibt an, was gesagt wird. Der Stil gibt an, wie es gesagt wird. Für den gleichen Inhalt kann eine unterschiedliche "Struktur, Sprache und Form" gewählt werden. Leider erklärt der zitierte Text nicht genauer die verwendeten Begriffe. Trotzdem habe ich diese Anleitung als Grundlage für den folgenden Text verwendet.

 

Das Schreiben einer Interpretation (Textanalyse und Textinterpretation):

 

 

1. Die Einleitung

 

Die Einleitung soll zu einer Deutungshypothese hinführen. Als erstes nennt sie das Thema des Textes und dessen Gattung/Genres. (Ein Genre ist eine bestimmte Art von Literatur, Malerei, Musik, Film oder einer anderen Kunstform. Jedes Genre hat seinen eignen besondere Merkmale. Eine Gattung hat verschieden Genres.)

 

 

 

 

Fortsetzung folgt ...