Wie Situationen = Systeme analysieren?

Kernaussage: Eine Situation ist ein System an einem bestimmten Zeitpunkt. Eine Situationalyse ist also eine Systemanalyse. Wir verstehen eine Situation = ein System, wenn wir erklären können, wie alle Elemente zusammenwirken und so "das Ganze" bilden.

 

Die drei wichtigsten Regeln für eine Situations-/Systemanalyse:

1) Zu einer Analyse gehört eine Synthese

2) Alternativen berücksichtigen

3) Die wichtigsten Regeln erkennen.

 

Was sind Situationen? Was sind Systeme?

Eine Situation beschreibt die Beziehungen zwischen mehreren Elementen (Personen oder Dingen) zu einem bestimmten Zeitpunkt. (Ich kenne keine Situation, die nur aus einem Element besteht.) Eine Situation ist also ein System zu einem bestimmten Zeitpunkt. Wenn ich eine Situation analysiere, bedeutet dies, dass ich ein System analysiere.

 

Definition: Eine Situation ist ein System zu einem bestimmten Zeitpunkt.

 

Definition: Ein System besteht aus einer Menge von Elementen, die miteinander in Beziehung stehen. Die Betrachter eines Systems können dessen Systemgrenze selber festlegen, sie sollte aber sinnvoll sein.

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Wie Situationen = Systeme verstehen?

Wenn wir sagen: "Ich möchte dieses System (diese Situation) analysieren", dann meinen wir in Wirklichkeit: "Ich will dieses System (diese Situation) verstehen."

 

Warum ist es nicht möglich, ein System zu verstehen, nur indem man es analysiert? Weil "das Ganzes größer ist als die Summe seiner Teile". Es müssen nicht nur die einzelnen Elemente eines Systems untersucht werden, sondern auch deren Beziehungen untereinander. Eine Analyse zerlegt ein System in seine einzelnen Elemente (in seine Teile). Eine Synthese kombiniert die Beziehungen zwischen den Elementen, um zu einem Verständnis des Ganzen zu kommen.

 

"Eine Analyse (von griech. ἀνάλυσις análysis „Auflösung“) ist eine systematische Untersuchung, bei der das untersuchte Objekt in seine Bestandteile (Elemente) zerlegt wird. ... Insbesondere betrachtet man Beziehungen und Wirkungen ... zwischen den Elementen. Gegenbegriff zu Analyse („Auflösen in Einzelbestandteile“) ist Synthese („Zusammensetzen von Elementen zu einem System“)." (https://de.wikipedia.org/wiki/Analyse, 24.11.21)

 

"So wie man sich die Analyse als eine Art Zerpflücken vorstellt, so denkt man sich die Synthese als eine Art physisches Zusammensetzen; und so vorgestellt, wird sie auch zu einem Mysterium. Tatsächlich findet die Synthese überall dort statt, wo wir den Zusammenhang begreifen zwischen Tatsachen und Schlussfolgerungen ..." (John Dewey (1910). How We Think. Boston: D. C. Heath & Co., p. 114)

 

Sehen Sie sich dieses Video an: www.youtube.com/watch?v=Miy9uQcwo3U&list=PLsJWgOB5mIMBinjH9ZAbiWiVxsizC5mU_&index=2 (15.02.20). Im Gegensatz zu diesem Video glaube ich, dass Analyse und Synthese zusammengehören und dass es unmöglich ist, ein System zu verstehen, ohne beides zu tun.

 

"Analyse und Synthese gehen als wissenschaftliche Methoden immer Hand in Hand; sie ergänzen sich gegenseitig. Jede Synthese baut auf den Ergebnissen einer vorhergehenden Analyse auf, und jede Analyse erfordert eine nachfolgende Synthese, um ihre Ergebnisse zu überprüfen und zu korrigieren. (www.swemorph.com/pdf/anaeng-r.pdf, 26.02.20, Seite 1, meine Übersetzung)

 

In einem anderen Video sagen die Autoren, dass 3 Tassen auf einem Tisch kein System sind, weil sie unabhängig voneinander existieren. Auch hier ich stimme nicht zu. Ich analysiere: Es stehen drei Tassen auf dem Tisch. Ihre Funktion ist die Aufnahme von Flüssigkeit. Ich synthetisiere: Ich kann zwei Freunde einladen, mit mir einen Kaffee zu trinken (oder ich kann mit den Tassen etwas anderes machen).

www.youtube.com/watch?v=GARpWOLqP6E&list=PLsJWgOB5mIMBinjH9ZAbiWiVxsizC5mU_&index=3 (15.02.20)

 

Drei Tassen auf einem Tisch sind ein einfaches System. Komplexe Systeme haben viele Elemente und es bestehen viele Beziehungen (eine hohe Interkonnektivität) zwischen den Elementen. Darüber hinaus können komplexe Systeme intransparent sein (es fehlen einige Informationen über das System) und sie können dynamisch sein (das System verändert sich mit der Zeit). Komplexe Systeme sind viel schwieriger zu verstehen als einfache Systeme.

 

Wenn ich ein komplexes System in seine einzelnen Elemente zerlege, erhalte ich eine große Menge von Elementen. Deshalb ist es sinnvoll, die Elemente in Gruppen anzuordnen (zu kategorisieren). Die Gruppen können als Subsysteme des Gesamtsystems betrachtet werden. 

Wie Situationen = Systeme analysieren? Systemanalyse - Situationsanalyse - Elemente ordnen und Subsysteme erhalten - www.learn-study-work.org

Die Fortsetzung dieses Ansatzes führt zu einer hierarchischen Darstellung, die die Struktur des Systems zeigt. (Die Struktur eines System ist die Anordnung dessen Elemente.) Nur wenn alle Elemente gleich sind, können sie nicht in Subsysteme kategorisiert werden.

 

Situationen - Systeme verstehen, entwickeln - Analyse, Synthese - www.learn-study-work.org

 

Die obige Abbildung zeigt die hierarchische Struktur eines komplexen Systems (die Struktur eines Systems ist die Anordnung seiner Elemente). Die Abbildung gibt uns einen Überblick über die Systemelemente und auch einen ersten Hinweis auf ihre Beziehung zueinander, weil wir sehen können, welche Elemente zusammengehören.

 

Sachbücher sind Systeme von Aussagen und ihr Inhaltsverzeichnis zeigt die hierarchische Anordnung dieser Aussagen. Daher ist das Inhaltsverzeichnis eines Sachbuches ein Beispiel für die obige Abbildung.

 

"Erst die Kenntnis der Elemente und ihrer strukturellen Anordnung schafft die Voraussetzung für das Verstehen von Systemen und erläutert die Aussage, dass das Ganze mehr ist als die Summen der Teile." (Daenzer, W. F. (1976). Systems Engineering: Leitfaden zur methodischen Durchführung umfangreicher Planungsvorhaben. Peter Hanstein Verlag, Köln, S. 12)

 

Einige Psychologen betreiben Situationsforschung, weil sie das Verhalten einer Person in einer bestimmten Situation vorhersagen wollen:

 

"... die Berücksichtigung der Situation, in der sich die Person gerade befindet, kann die Verhaltensprognose verbessern. ...

Elemente, die physisch vorhanden sind und die Situation ausmachen, werden als Situationshinweise bezeichnet ... Hinweise geben die Antwort auf fünf einfache W-Fragen. Wer ist bei Ihnen? Welche Objekte sind um Sie herum? Was geschieht gerade? Wo befinden Sie sich? Wann geschieht das? ... Die Auflistung und Quantifizierung aller Anhaltspunkte ... in einer Situation würde einen enormen Zeit- und Arbeitsaufwand erfordern, wenn dies überhaupt möglich wäre.
... die Beurteilung von Situationen anhand ihrer wahrgenommenen Merkmale setzt voraus, dass die Wahrnehmenden die Situationen anhand dieser Merkmale bewerten. ... Die meisten Menschen würden zum Beispiel zustimmen, dass es angenehmer ist, in einem Café zu sitzen und ein Getränk mit Freunden zu genießen, als das Haus zu putzen. Natürlich gibt es auch Menschen, die dies anders sehen, was bei der Bewertung der Situation in ihrer Gesamtheit ausdrücklich berücksichtigt werden muss." (Horstmann, K. T., Rauthmann, J. F., & Sherman, R. A. (2017). The measurement of situational influences. In V. Zeigler-Hill and T. K. Shackelford (eds.), The SAGE Handbook of Personality and Individual Differences, S. 2-9)

 

Das bedeutet: Um eine Situation zu verstehen, müssen wir zuerst die Hauptelemente = die Haupthinweise identifizieren. Zwischen den Hauptelementen bestehen Beziehungen. Diese Beziehungen unterliegen Regeln und haben Merkmale. Daher müssen wir in einem zweiten Schritt diese Regeln und Eigenschaften untersuchen.

 

Wir brauchen Vorstellungskraft, um die Beziehungen zwischen den Elementen einer Situation zu verstehen, denn wir müssen uns in die Lage der Elemente versetzen. In der Position eines Elements können wir uns fragen:
Was sind meine Eigenschaften? Wie beeinflusse ich die anderen Elemente der Situation? Welche Regeln gelten für mich? Wie habe ich mich im Laufe der Zeit entwickelt? Wie werde ich mich in Zukunft entwickeln?

 

„Die Bedeutung einer Sache, eines Ereignisses oder einer Situation zu erfassen, heißt, sie in ihren Beziehungen zu anderen Dingen zu sehen: zu sehen, wie sie wirkt oder funktioniert, welche Folgen sich daraus ergeben, was sie verursacht, welchen Nutzen sie haben kann." (Dewey, J. (1933). How We Think: restatement of the relation of reflective thinking to the educative process. Boston, D.C. Heath and Co., S. 137)

 

Oft sind die Informationen über ein System nicht vollständig, so dass wir Phantasie und Kreativität brauchen, um die Existenz unbekannter Elemente oder die unbekannten Eigenschaften von Elementen vorherzusagen. Wenn wir "das Ganze" nicht synthetisieren können, benötigen wir mehr Informationen über das System/die Situation.

 

Die Untersuchung eines Systems kann mit einer Untersuchung des "Ganzen" als einer funktionierenden Einheit oder mit einer Untersuchung seiner Teile (seiner Elemente) beginnen.

 

"Wir betrachten ein System als eine primäre Einheit [eine Funktionseinheit], wenn wir es als Blackbox behandeln und nach seinem Gesamtverhalten fragen - d. h. danach, was es tut oder leistet. Wir können zum Beispiel in unsere Blackbox verschiedenen Eingaben machen und die daraus resultierenden Ausgaben beobachten.

Als eine Menge von Teilen oder Komponenten (die irgendwie zusammenwirken, um das Gesamtverhalten des Systems zu erzeugen) können wir den Aufbau des Systems untersuchen - d. h. seine interne Struktur und seine Prozesse. ... und die spezifischen Beziehungen zwischen seinen Teilen ...

... die Wahl einer geeigneten Methode für die Untersuchung eines gegebenen Systems hängt in hohem Maße von der Art des Wissens ab, das uns empirisch zugänglich ist ..." (www.swemorph.com/pdf/anaeng-r.pdf , 26.02.20, S. 6-7)

 

Manchmal ist es sinnvoll, gleichzeitig mit einer Analyse und einer Synthese zu beginnen. Wenn die Polizei beispielsweise nach einem Serienmörder sucht, untersucht sie alle Beweise (die Elemente) und beauftragt einen Profiler mit der Beschreibung des kriminellen Profils des Mörders ("das Ganze").

 

Was ist "das Ganze" eines Systems?

"Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile." Was ist "das Ganze"?

Es gibt viele verschiedene Arten von Systemen und man kann jedes System aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Das "Ganze" eines Systems ist für den Betrachter des Systems das Nützlichste. Es ist die Antwort auf die Hauptfrage, die der Betrachter an das System stellt. Daher hängt "das Ganze" eines Systems vom Betrachter ab.

 

Wenn wir alle Teile eines Autos in eine Schachtel legen, dann haben wir eine Summe seiner Teile. Wenn wir alle diese Teile zusammensetzen, haben wir eine funktionale Einheit (das Auto) als "das Ganze".
Die Hauptfrage an das System ist hier: "Kann ich es als Transportmittel verwenden?" Als Transportmittel sind die Teile in der Kiste nutzlos.

 

Hier sind einige Beispiele für "das Ganze":

  • "Das Ganze" als Erkenntnis/Schlussfolgerung: "Das Ganze" ist die Schlussfolgerung, die aus der Untersuchung eines Systems gezogen wird. Die Polizei analysiert ein Verbrechen, weil sie den Täter ermitteln will. Eine andere Polizeidienststelle analysiert dasselbe Verbrechen aus einem anderen Blickwinkel, weil sie wissen will, wie solche Verbrechen verhindert werden können.
  • Das "Ganze" als Funktion: Ein Kunde sagt zu einem Produktentwickler: "Bitte entwickeln Sie mir ein Produkt mit diesen Hauptfunktionen."
    "Das Ganze" als Schlüsselbotschaft: Jeder Text hat eine Schlüsselbotschaft (Literatur hat oft eine Moral.)
    "Das Ganze" als Hauptmerkmal: Zwei Personen unterhalten sich über ein Auto. Der eine sagt: "Das ist ein schönes Auto." Der andere sagt: "Dieses Auto verbraucht sehr viel Benzin." Sie betrachten das Auto aus verschiedenen Blickwinkeln.
    "Das Ganze" als Hauptregel: Sie organisieren ein Treffen. Das letzte Treffen war sehr kontrovers. Für das nächste Treffen legen Sie die Regel fest: Jeder respektiert den Standpunkt des anderen.
    "Das Ganze" als Idee: Ein Wissenschaftler sieht, dass viele Menschen das gleiche Problem haben. Er hat eine Idee, wie er dieses Problem lösen kann und startet ein Forschungsprojekt.

Die Synthese eines "Ganzen" ist wie das Zusammensetzen eines Puzzles. Wenn jedes Teil des Puzzles an der richtigen Stelle platziert ist, dann ist es möglich, das "ganze Bild" zu sehen. Wenn Puzzleteile fehlen, ist Kreativität gefragt, um sich mögliche "ganze Bilder" vorzustellen. Unter diesen Alternativen wählen wir das "Ganze" aus, das unser System/unsere Situation aus unserer Sicht am besten beschreibt.

 

Schlussfolgerung

Das zweite Hindernis, auf das wir auf dem Weg zur Lösung eines Problems stoßen können, ist ein Mangel an Informationen über die Ausgangssituation, wodurch wir nicht in der Lage sind, diese vollständig zu verstehen.

 

Menschen, die nicht zwischen analysieren und synthetisieren unterscheiden, verstehen nicht, wie wichtig die Synthese ist. Sie ziehen zwar Schlussfolgerungen, berücksichtigen aber nicht, dass "das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile". Sie berücksichtigen nicht die vielfältigen Beziehungen zwischen den Elementen eines komplexen Systems. Daher ziehen sie einfache Schlussfolgerungen, die oft falsch sind.

 

Gehen Sie zum nächsten Schritt des Problemlösungsprozesses:

Wie Ziele und Anforderungen setzen?