Hamburg Innovation Summit - Webinar am 03.06.22

Wie Situationen = Systeme analysieren?

Kernaussage: Das Ziel einer Analyse ist das Ziehen von Schlussfolgerungen. Wir verstehen eine Situation = ein System, wenn wir erklären können, wie alle Elemente zusammenwirken und so das "Ganze" bilden.

 

Die Analyse eines Objektes hat drei Schritte:

1. Das Objekt wird in seine Bestandteile zerlegt.

2. Das Verhalten des Objekts als Ganzes, seine Bestandteile und ihre Beziehungen untereinander werden untersucht.

3. Es werden Schlussfolgerungen gezogen, die auf dem Verständnis des Objekts als "Ganzes" beruhen.

 

Was sind Situationen? Was sind Systeme?

Eine Situation beschreibt die Beziehungen zwischen mehreren Elementen (Personen oder Dinge) zu einem bestimmten Zeitpunkt. (Ich kenne keine Situation, die nur aus einem Element besteht.) Auch die Elemente eines Systems stehen miteinander in Beziehung. Wenn ich eine Situation analysiere, bedeutet dies, dass ich ein System analysiere.

 

Definition: Eine Situation ist ein System zu einem bestimmten Zeitpunkt.

 

Definition: Ein System besteht aus einer Menge von Elementen, die miteinander in Beziehung stehen. Die Betrachter eines Systems können die Grenze des Systems selber festlegen, sie sollte aber sinnvoll sein.

Wie Systeme anlysieren, wie Situationen analysieren, verstehen - Defintion Situation - www.learn-study-work.org

Was ist eine Analyse?

"Eine Analyse ... ist eine systematische Untersuchung, bei der das untersuchte Objekt in seine Bestandteile (Elemente) zerlegt wird. Diese Elemente werden dabei auf der Grundlage von Kriterien erfasst und anschließend geordnet, untersucht und ausgewertet. Insbesondere betrachtet man Beziehungen und Wirkungen ... zwischen den Elementen. Gegenbegriff zu Analyse ( 'Auflösen in Einzelbestandteile ') ist Synthese ( 'Zusammensetzen von Elementen zu einem System')." (https://de.wikipedia.org/wiki/Analyse, 24.11.21)

 

"So wie man sich die Analyse als eine Art Zerpflücken vorstellt, so denkt man sich die Synthese als eine Art physisches Zusammensetzen ... In der Tat findet Synthese überall dort statt, wo wir die Bedeutung von Fakten für eine Schlussfolgerung erfassen ..." (John Dewey (1910). How We Think. Boston: D. C. Heath & Co., S. 114)

 

Da der Begriff "Synthese" im Zusammenhang mit einer Analyse nicht sehr bekannt ist, habe ich ihn in der Überschrift dieses Textes weggelassen. Niemand führt eine Analyse durch ohne Schlussfolgerungen. Die Schlussfolgerungen kann man als zu der Analyse gehörig betrachten oder eigenständig als Synthese bezeichnen (eine Synthese bezeichnet physisches, aber auch gedankliches Zusammensetzen).

 

Es gibt also 2 Definitionen von Analyse:

  1. Eine Analyse ist eine Untersuchung, bei der Informationen gesammelt werden über das Verhalten des Objekts als Ganzes und, nachdem das Objekt in seine Bestandteile zerlegt wurde, über die Eigenschaften der Bestandteile und deren Beziehungen zueinander. Anschließend werden Schlussfolgerungen gezogen, die das Verhalten des Objektes erklären.
  2. Eine Analyse ist eine Untersuchung, bei der Informationen gesammelt werden über das Verhalten des Objekts als Ganzes und, nachdem das Objekt in seine Bestandteile zerlegt wurde, über die Eigenschaften der Bestandteile und deren Beziehungen zueinander. Das sich anschließende Ziehen von Schlussfolgerungen, die das Verhalten des Objektes erklären, wird als Synthese bezeichnet.

Es heißt: Das "Ganze" (eines Systems) ist mehr als die Summe seiner Teile. Ein System besteht also aus mindestens zwei Ebenen: der Ebene des Ganzen und der Ebene der Teile.

 

"... wir stellen fest, dass das [System-]Konzept immer zwischen (mindestens) zwei verschiedenen Abstraktionsebenen oder Systemebenen unterscheidet: das System als funktionierende Einheit und das System als eine Menge von interagierenden Teilen." (www.swemorph.com/pdf/anaeng-r.pdf, 26.02.20, S. 6)

 

Die Ebene der Teile hat oft mehrere Unterebenen, weil viele Systeme Sub-Systemen beinhalten (siehe die Bilder unten).

 

Das "Ganze" ist das Verhalten (Funktionieren) des Systems, welches sich aus der Interaktion zwischen seinen Teilen ergibt. Für unterschiedliche Betrachter eines Systems können unterschiedliche Verhaltensweisen wichtig sein. Deshalb hängt das "Ganze" eines Systems immer ab von dem Blickwinkel des Betrachters.

 

Der Betrachter hat das "Ganze" eines Systems verstanden, wenn er das Verhalten des Systems für den ihn interessierenden Einsatz erklären und vorhersagen kann. Anders gesagt: Wer das "Ganze" eines Systems verstanden hat, kann das System so beieinflussen und nutzen, wie er es braucht.

 

Was sind die drei Schritte einer Analyse?

Egal, welche Definition man bevorzugt, die drei Schritte einer Analyse bzw. Analyse/Synthese sind die gleichen.

 

1. Schritt: Das Objekt wird in seine Bestandteile (Elemente) zerlegt und diese werden geordnet.

 

Drei Tassen auf einem Tisch sind ein einfaches System (Beispiel unten). Einfache Systeme müssen im Gegensatz zu komplexen Systemen nicht oder nur wenig geordnet werden.

 

Komplexe Systeme haben viele Elemente und es bestehen viele Beziehungen zwischen den Elementen. Darüber hinaus können komplexe Systeme intransparent (es fehlen einige Informationen über das System) und dynamisch sein (das System verändert sich mit der Zeit). Komplexe Systeme sind viel schwieriger zu verstehen als einfache Systeme.

 

Wenn wir ein komplexes System in seine einzelnen Elemente zerlegen, erhalten wir eine große Anzahl von Elementen. Deshalb ist es sinnvoll, die Elemente in Gruppen anzuordnen (zu kategorisieren). Die Gruppen können als Subsysteme des Gesamtsystems betrachtet werden.

Wie Situationen = Systeme analysieren? Systemanalyse - Situationsanalyse - Elemente ordnen und Subsysteme erhalten - www.learn-study-work.org

Die Fortführung dieses Ansatzes führt zu einer hierarchischen Darstellung, die die Struktur des Systems zeigt. (Die Struktur eines Systems ist die Anordnung dessen Elemente.) Nur wenn alle Elemente gleich sind, können sie nicht in Subsysteme kategorisiert werden.

 

Systeme - Situationen analysieren und verstehen - hierarchisch geordnet - Analyse, Synthese - www.learn-study-work.org

 

Die obige Abbildung zeigt die hierarchische Struktur eines komplexen Systems. Sie gibt uns einen Überblick über die Systemelemente und auch einen ersten Hinweis auf ihre Beziehungen zueinander, weil wir sehen können, welche Elemente zusammengehören.

 

Beispiel: Sachbücher sind Systeme von Aussagen und ihr Inhaltsverzeichnis zeigt die hierarchische Anordnung dieser Aussagen. Daher ist das Inhaltsverzeichnis eines Sachbuches ein Beispiel für die obige Abbildung.

 

"Erst die Kenntnis der Elemente und ihrer strukturellen Anordnung schafft die Voraussetzung für das Verstehen von Systemen und erläutert die Aussage, dass das Ganze mehr ist als die Summen der Teile." (Daenzer, W. F. (1976). Systems Engineering: Leitfaden zur methodischen Durchführung umfangreicher Planungsvorhaben. Peter Hanstein Verlag, Köln, S. 12)

 

2. Schritt: Das Verhalten des Objekts als Ganzes, seine Bestanteile (Elemente) und ihre Beziehungen untereinander werden untersucht.

 

Wenn wir sagen: "Ich möchte dieses System (diese Situation) analysieren", dann meinen wir: "Ich will dieses System (diese Situation) verstehen." Wir müssen also bei der Untersuchung so viel Wissen über das System zusammentragen, dass wir im 3. Schritt Schlußfolgerungen ziehen können. Das dazu notwendige Wissen erhalten wir durch Beobachtung (Befragung), Experimente, das Lesen von Fachliteratur, Nachfragen bei Experten oder durch das Anwenden von Kreativitätstechniken.

 

Es gibt zwei Möglichkeiten ein Systems zu untersuchen: als Blackbox oder als Menge von Teilen. Wie der Name Blackbox andeutet, kann man das Verhalten eines Systems als Ganzes untersuchen, ohne es zu verstehen. (Zu dem Verständnis als "Ganzes", das mehr ist als die Summme seiner Teile, kommt man erst im 3. Schritt der Analyse (= der Synthese).

 

"Wir betrachten ein System als eine primäre Einheit [eine Funktionseinheit], wenn wir es als Blackbox behandeln und nach seinem Gesamtverhalten fragen - d. h. danach, was es tut oder leistet. Wir können zum Beispiel in unsere Blackbox verschiedenen Eingaben machen und die daraus resultierenden Ausgaben beobachten.

Als eine Menge von Teilen oder Komponenten (die irgendwie zusammenwirken, um das Gesamtverhalten des Systems zu erzeugen) können wir den Aufbau des Systems untersuchen - d. h. seine interne Struktur und seine Prozesse. ... und die spezifischen Beziehungen zwischen seinen Teilen ...

... die Wahl einer geeigneten Methode für die Untersuchung eines gegebenen Systems hängt in hohem Maße von der Art des Wissens ab, das uns empirisch zugänglich ist ..." (www.swemorph.com/pdf/anaeng-r.pdf , 26.02.20, S. 6-7)

 

Manchmal ist es sinnvoll, gleichzeitig mit den beiden Vorgehensweisen glichzeitig zu beginnen. Wenn die Polizei beispielsweise nach einem Serienmörder sucht, untersucht sie alle Beweise (die Elemente) und beauftragt einen Profiler mit der Beschreibung des kriminellen Profils des Mörders ("das Ganze").

 

Bei der Gestaltung von Produkten oder Prozessen kann die Reihenfolge einer Funktionsanalyse und einer Strukturanalyse vertauscht werden:

 

"Oft ist in der frühen Konzeptphase die Struktur noch nicht festgelegt. Die Funktionen sind aber schon klar ... Sollte aber keine Neuentwicklung, sondern z.B. eine Anpassung gefordert sein, ist es (meistens) einfacher, die Strukturanalyse vor der Funktionsanalyse zu machen." (Werdich, M. (2011).  FMEA – Einführung und Moderation. Vieweg+Teubner Verlag/Springer, S. 19)

 

Einige Psychologen betreiben Situationsforschung, weil sie das Verhalten einer Person in einer bestimmten Situation vorhersagen wollen:

 

"... die Berücksichtigung der Situation, in der sich die Person gerade befindet, kann die Verhaltensprognose verbessern. ...

Elemente, die physisch vorhanden sind und die Situation ausmachen, werden als Situationshinweise bezeichnet ... Hinweise geben die Antwort auf fünf einfache W-Fragen. Wer ist bei Ihnen? Welche Objekte sind um Sie herum? Was geschieht gerade? Wo befinden Sie sich? Wann geschieht das? ...

Die Auflistung und Quantifizierung aller Anhaltspunkte ... in einer Situation würde einen enormen Zeit- und Arbeitsaufwand erfordern, wenn dies überhaupt möglich wäre." (Horstmann, K. T., Rauthmann, J. F., & Sherman, R. A. (2017). The measurement of situational influences. In V. Zeigler-Hill and T. K. Shackelford (eds.), The SAGE Handbook of Personality and Individual Differences, S. 2-9)

 

Das bedeutet: Um eine Situation zu verstehen, müssen wir zuerst die Hauptelemente identifizieren, weil es zu viel Zeit kosten würde alle Elemente zu untersuchen (siehe das Bild zur Situations-/Systemanalyse ganz oben). Die  Hauptelemente haben Merkmale (Eigenschaften) und für die Beziehungen zwischen ihnen gelten Regeln. Diese Eigenschaften und Regeln müssen wir untersuchen.

 

Dazu brauchen wir Vorstellungskraft, denn wir müssen uns in die Lage der Hauptelemente versetzen. In der Position eines Elements können wir uns fragen:
Was sind meine Eigenschaften? Wie beeinflusse ich die anderen Elemente der Situation? Welche Regeln gelten für mich? Wie habe ich mich im Laufe der Zeit entwickelt? Wie werde ich mich in Zukunft verhalten?

 

„Die Bedeutung einer Sache, eines Ereignisses oder einer Situation zu erfassen, heißt, sie in ihren Beziehungen zu anderen Dingen zu sehen: zu sehen, wie sie wirkt oder funktioniert, welche Folgen sich daraus ergeben, was sie verursacht, welchen Nutzen sie haben kann." (Dewey, J. (1933). How We Think: restatement of the relation of reflective thinking to the educative process. Boston, D.C. Heath and Co., S. 137)

 

3. Schritt: Es werden Schlussfolgerungen gezogen (Synthese), die das Objekt als "Ganzes" ansehen und alle Ergebnisse der Untersuchungen berücksichtigen.

 

Wenn wir die Regeln und Fakten erkannt haben, die für die Beziehungen des Ganzen zu den Teilen und zwischen den Teilen untereinander gelten, dann können wir auf "das Ganze" schließen und das Verhalten des Systems umfassend erklären.

 

Ein komplexes System „... besteht aus einer großen Anzahl von Teilen, die auf nicht einfache Weise zusammenwirken. In solchen Systemen ist das Ganze mehr als die Summe der Teile ... angesichts der Eigenschaften von den Teilen und den Gesetzen ihrer Interaktion, ist es nicht trivial, auf die Eigenschaften des Ganzen zu schließen." (Simon, H. A. (1962) The architecture of complexity. Proc. Amer. Philos. Soc. 106(6) 467–482)

 

Oft sind die Informationen über ein System nicht vollständig. Bei einigen Elementen eines Systems wissen wir, dass unsere Informationen nicht ausreichen. Das sind "known unknows". Es gibt aber auch Elemente und Eigenschaften, von denen wir gar nicht wissen, dass sie existieren. Das sind "unknown unknowns", deren mögliche Existenz wir uns nur mit Fantasie und einem Möglichkeitssinn (s. u.) vorstellen können.

 

"Im Februar 2002 erklärte Donald Rumsfeld ... bei einem Briefing des Verteidigungsministeriums: 'Es gibt bekannte Unbekannte [known unknowns]. Das heißt, es gibt Dinge, von denen wir jetzt wissen, dass wir sie nicht wissen. Aber es gibt auch unbekannte Unbekannte [unknown unknowns]. Es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen.' ..." (Logan, D. C. (2009). Known knowns, known unknowns, unknown unknowns and the propagation of scientific enquiry. Journal of Experimental Botany, 60(3), S. 712)

Wie Situationen Systeme analysieren - unknown unknows - known unknows - www.learn-study-work.org

Wenn wir das "Ganze" nicht synthetisieren können, benötigen wir mehr Informationen über das System/die Situation und müssen weiter analysieren. So führen wir die Analyse und Synthese im Wechsel durch, bis wir mit unserer Synthese zufrieden sind oder durch weiteres Analysieren keine neuen Erkenntnisse mehr möglich sind. Auch wenn wir nicht genügend Informationen haben, können wir zu Schlussfolgerungen kommen, die aber dann nicht abgesichert sind.

 

Die Synthese eines "Ganzen" ist wie das Zusammensetzen eines Puzzles. Wenn jedes Teil des Puzzles an der richtigen Stelle platziert ist, dann ist es möglich, das "ganze Bild" zu erkennen. Wenn Puzzleteile fehlen, ist ein Möglichkeitssinn gefragt (siehe unten), um sich mögliche "ganze Bilder" vorzustellen. Unter diesen Alternativen wählen wir "das Ganze" aus, das am besten zu unseren Untersuchungsergebnissen passt und unser System/unsere Situation aus unserer Sicht am besten erklärt.

 

Wenn unsere Vorstellung von dem "Ganzen" plötzlich ganz klar wird, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir "das Ganze" richtig erkannt haben.

 

Was ist das "Ganze" eines Systems?

"Das Ganze" eines Systems hängt ab von dem Betrachter, denn man kann ein System aus verschiedenen Blickwinkeln sehen. Das Wikipedia-Zitat ganz oben sagt: ""Eine Analyse ... ist eine systematische Untersuchung, bei der das untersuchte Objekt in seine Bestandteile (Elemente) zerlegt wird. Diese Elemente werden dabei auf der Grundlage von Kriterien erfasst ..." Jeder Betrachter hat seine eigenen Kriterien.

 

Das "Ganze" eines Systems ist für den Betrachter das Wichtigste an dem System. Es ist die Antwort auf die Hauptfrage, die der Betrachter an das System stellt.

 

Wenn wir alle Teile eines Autos in eine Schachtel legen, dann haben wir eine Summe seiner Teile. Wenn wir alle diese Teile zusammensetzen, haben wir eine funktionale Einheit (das Auto) als das "Ganze".
Die Hauptfrage ist hier: "Kann ich das System als Transportmittel verwenden?" Als Transportmittel sind die Teile in der Kiste nutzlos.

Die Hauptfrage könnte aber auch lauten: "Welche der Teile kann ich als Ersatzteile verwenden, um ein anderes Auto zu reparieren?" Wenn alle benötigten Teile in der Kiste sind, hat das eine höhere Qualität, als wenn nur wenige passende Teile vorhanden sind.

 

Ein "Ganzes" hat immer zwei Seiten: Das Allgemeine und das Besonderen. Jedes Objekt hat die allgemeinen Eigenschaften seiner Klasse und seine eigenen speziellen Eigenschaften. Auch das muss bei der Bestimmung eines "Ganzen" berücksichtigt werden. Jedes Auto hat die allgemeinen Eigenschaften eines Transportmittels, aber gleichtzeitigt hat es auch seine besonderen Eigenschaften.

 

"Objektorientierte Programmierung (OO)

Als Vorteile des objektorientierten Ansatzes werden weiter genannt: ...

• Starke Möglichkeit der hierarchischen Abstraktion:
– Teile-Ganzes-Beziehung ...

Objekt-Klassen-Beziehung:
– Eine Klasse ist ein abstrakter Oberbegriff für Dinge (Objekte), die eine gemeinsame Struktur und/oder ein gemeinsames Verhalten haben.
– ... Ein Objekt ist eine Instanz einer Klasse (von engl. instance: ... eintretender Fall).

Beispiel: Definiert man Auto als eine Klasse, so ist mein rotes Auto  ... ein Objekt (ein Exemplar, eine Instanz) der Klasse Auto." (https://www3.math.tu-berlin.de/Vorlesungen/WS03/Programmiermethoden/oo.pdf, 26.05.22)

 

Schlussfolgern ist ein geistiger Vorgang. Für das "Ganze" als eine Entscheidung gilt:

 

"Die Entscheidungsfindung ist ein geistiger Vorgang der Sammlung und des Analysierens aller verfügbaren Informationen in einer bestimmten Situation, sowie eine bewusste Abwägung von Handlungsalternativen und die rechtzeitige Entscheidung, welche Handlungsalternative umzusetzen ist (FAA 1991)." (Bühler, J., Ebermann, HJ., Hamm, F., Reuter-Leahr, D. (2011). Entscheidungsfindung. In: Scheiderer, J., Ebermann, HJ. (eds) Human Factors im Cockpit. Springer, Berlin, Heidelberg, S, 145)

 

Hier sind weitere Beispiele für das "Ganze":

  • Das "Ganze" als Erkenntnis/Schlussfolgerung: Das "Ganze" ist die Schlussfolgerung/sind die Schlussfolgerungen, die aus der Untersuchung eines Systems gezogen wird. Die Polizei analysiert ein Verbrechen, weil sie den Täter ermitteln will. Eine andere Polizeidienststelle analysiert dasselbe Verbrechen aus einem anderen Blickwinkel, weil sie wissen will, wie solche Verbrechen verhindert werden können.
  • Das "Ganze" als Funktion: Ein Kunde sagt zu einem Produktentwickler: "Bitte entwickeln Sie mir ein Produkt mit diesen Hauptfunktionen."
  • Das "Ganze" als Kernaussage: Jeder Text hat eine Kernaussage (Literatur hat oft eine Moral).
  • Das "Ganze" als Hauptmerkmal: Zwei Personen unterhalten sich über ein Auto. Der eine sagt: "Das ist ein schönes Auto." Der andere sagt: "Dieses Auto verbraucht sehr viel Benzin." Sie betrachten das Auto aus verschiedenen Blickwinkeln.
  • Das "Ganze" als Hauptregel: Sie organisieren ein Treffen. Das letzte Treffen war sehr kontrovers. Für das nächste Treffen legen Sie die Regel fest: Jeder respektiert den Standpunkt des anderen. Dies ist die wichtigste Regel für das nächste Treffen.
  • Das "Ganze" als Idee: Ein Wissenschaftler sieht, dass viele Menschen das gleiche Problem haben. Er hat eine Idee, wie er dieses Problem lösen kann und startet ein Forschungsprojekt. Die Idee ist der Kern des Projektes.

Nur wer eine korrekte Analyse durchgeführt hat, kann das "Ganze" richtig erkennen.

 

Welche Regeln gelten für das Durchführen einer Analyse?

Wenn wir die folgenden Regeln nicht berücksichtigen, dann wird unsere Analyse wahrscheinlich fehlerhaft sein.

 

1. Regeln für das Zerlegen und Ordnen eines Systems und für das Untersuchen der Elemente und ihrer Beziehungen zueinander

 

Der erste und zweite Schritt einer Analyse gehören zusammen. Bei einem komplexen System haben wir zu Beginn der Analyse noch keine klare Vorstellung von seiner Struktur. Mit den uns bekannten Informationen über das System können wir nur eine vorläufige Struktur erkennen. Erst durch die Untersuchung der Elemente und ihre Beziehungen zueinander können wir unseren Entwurf von der Struktur des Systems vervollständigen.

 

Beim Zerlegen eines Systems in seine Elemente dürfen keine Elemente übersehen werden. Das sagt sich leicht, aber bei komplexen Systemen gibt es versteckte Elemente, die schwer zu identifizieren sind. Deshalb benötigen wir einen Möglichkeitsinn:

 

"Ein Möglichkeitssinn strebt nicht nach dem Mond, sondern stellt sich etwas vor, das möglich sein könnte, aber bisher nicht als möglich oder auch nur potenziell möglich angesehen wurde. ... Der Möglichkeitssinn - die Fähigkeit, eine unbekannte Realität zu erahnen und zu konstruieren - ist jedoch mindestens ebenso wichtig wie logische Denkfähigkeiten. ... Wir müssen ständig zwischen unserem Möglichkeitssinn und unserem Wirklichkeitssinn hin- und herwechseln ..." (Dörner, D., & Funke, J. (2017). Complex problem solving: What it is and what it is not. Frontiers in Psychology, 8,1153, p. 7)

 

Der Möglichkeitssinn kann auch als "Denken in Alternativen" bezeichnet werden.

 

"Grundprinzip 'Denken in Alternativen ' (Daenzer et al. 2002)
Grundsätzlich sollte bei der Entwicklung von Lösungsideen zu einer Problemstellung in Alternativen gedacht werden. Entwickler sollten immer prüfen, ob nicht auch andere Lösungen in Frage kommen könnten als die erste, die ihnen in den Sinn kommt." (Lindemann, U. (2009). Methodische Entwicklung technischer Produkte. Heidelberg: Springer, S. 46)

 

Wir können nicht alle denkbaren Zustände eines Systems untersuchen, aber wir müssen uns den denkbar schlechtesten und denkbar besten Zustand eines Systems vorstellen, d. h. wir müssen uns fragen: "Wie könnte das System in einen für uns sehr negativen/positiven Zustand kommen?" Dann haben wir die Chance zu erkennen, welche Elemente dafür verantwortlich sein können und wie wir diese Elemente beinflussen müssen.

 

"Kluge Mathematiker schämen sich nicht, klein zu denken, denn allgemeine Muster [Regeln] sind leichter zu erkennen, wenn die Extremfälle gut verstanden werden (selbst wenn sie trivial sind). (Graham, R. L., Knuth, D. E., Patashnik, O. (1884). Concrete Mathematics: A Foundation for Computer Science. Addison-Wesley, S.2)

 

Bei einer SWOT-Analyse werden Risiken aufgelistet, es ist aber wichtig den Zustand oder die Zustände zu identifizieren, die auf keinen Fall eintreten dürfen.

 

"Die Bedrohlichkeit eines Problems entscheidet über das Setzen der Prioritäten. Jeder Flieger kennt dabei den Spruch, der ihn seit Beginn seiner Karriere begleitet hat: „First fly the aircraft!“ [Das Fluzeug darf nicht abstürzen.] So selbstverständlich diese Aussage auch sein mag, so unverständlich ist, dass immer wieder gegen sie verstoßen wird. Treten mehrere Probleme gleichzeitig auf, so wird auch eine noch so gute Lösung eines untergeordneten Problems die Gesamtsituation nicht entschärfen, wenn man ein wichtigeres oder dringenderes Problem außer Acht gelassen hat." (Bühler, J., Ebermann, HJ., Hamm, F., Reuter-Leahr, D. (2011). Entscheidungsfindung. In: Scheiderer, J., Ebermann, HJ. (eds) Human Factors im Cockpit. Springer, Berlin, Heidelberg, S. 162)

 

Beispiel: Bei der Flutkatastrophe vom 14. auf dem 15. Juli sind im Ahrtal 134 Menschen gestorben.

 

"Am späten Nachmittag oder frühen Abend des 14. Juli »wussten wir, dass es extreme Niederschläge gibt«. Aber: »Ich wusste nicht, dass es zu dieser zehn Meter hohen Flutwelle kommt«, betonte Schwanke [Meteorologe]. »Ich hätte das nie erwartet.« ... Die lokalen Gegebenheiten des Ahrtals hätten zusätzlich zu den meteorologischen Fakten eine entscheidende Rolle gespielt. Das sehr enge, V-förmige Tal mit einem Zuschnitt, in dem einzelne Hochwasserwellen der Nebentäler im Haupttal zusammenlaufen, nannte er als Beispiel. Die Böden seien nach vielen Niederschlägen im Mai und Juni zudem nass gewesen und hätten genauso wenig Wasser aufnehmen können wie der Wald, so Schwanke. Dies habe mit dem »toten und kranken Zustand« der Fichtenwälder am Oberlauf der Ahr nach den extrem trockenen Jahren 2018 und 2019 zu tun. ... Eine entscheidende Rolle habe auch der Bau der Ahr-Brücken gespielt, die bis zum Bersten als Staudämme fungiert hätten." (www.spiegel.de/panorama/meteorologe-karsten-schwanke-ueber-flut-im-ahrtal-es-waere-genug-zeit-gewesen-die-leute-da-rauszuholen-a-1d50db69-8636-44d5-942f-d6a392d1ce25, 02.04.22)

 

Eine Person mit einem extremen Möglichkeitssinn hätte sich die Frage gestellt: "Könnte es irgenwie zu einer Flutwelle gekommen?" Dann hätte sie wahrscheinlich die Brücken als Gefahrenelement identifiziert.

 

"Die historischen Bogenbrücken, die zu Dutzenden zerstört wurden, hatten flache Fundamente, enge Durchflüsse. An ihnen verfingen sich Baumstämme, Autos, Wohnwagen. Das Wasser staute sich auf, am Ende unterspülte es die Fundamente und riss die Brücken mit sich." (www.deutschlandfunkkultur.de/hochwasserschutz-jahrhundertflut-ahrtal-100.html, 05.07.22)

 

Auch für die Untersuchung der Elemente benötigen wir einen Möglichkeitssinn, denn es stellt sich die Frage: "Gibt es weitere wichtige Eigenschaften und weitere wichtige Regeln, die wir noch nicht erkannt haben?". Um diese Frage beantworten zu können, ist er sehr vorteilhaft, das zu analysierende System zu visualisieren.

 

Das folgende Bild zeigt die Darstellung eines Arbeitssystems. Bei dem Ergonomie-Praktikum, welches ich 18 Jahre lang betreut habe, ging es darum die Ziele des Praktikums festzulegen.

Situationen - Systeme analysieren - die Visualisierung eines Systems - www.learn-study-work.org

Im Verlauf der Untersuchung kommt irgendwann der Zeitpunkt, ab dem die gesammelten Informationen für den 3. Schritt der Analyse ausreichen oder eine Fortsetzung keine neuen Erkenntnisse mehr verspricht. Zu diesem Zeitpunkt sollten wir die Untersuchung beenden.

 

2. Regeln für das Ziehen von Schlussfolgerungen (die Synthese)

 

Die größte Gefahr für Schlussfolgerungen ist, dass "der Wunsch zum Vater des Gedanken wird".

 

"Forscher konnten zeigen, dass für das Fällen von Urteilen nicht nur Erfahrungen und relevante Informationen eine Rolle spielen, sondern auch das Wunschdenken ... 'Indem wir unliebsame Informationen ignorieren, vermeiden wir bedrohliche Schlussfolgerungen. ... ' erklärt Bojana Kuzmanovic vom Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung das Prinzip der Urteilsfindung." (www.derstandard.de/story/2000089227452/urteile-faellen-der-wunsch-ist-der-vater-des-gedankens, 03.04.22)

 

"Falsche Messresultate entstehen oft auch dadurch, dass der Experimentator das Resultat aus unzureichenden Daten herausliest, das er haben will: 'Der Wunsch ist der Vater des Gedankens'." (www.physik.hu-berlin.de/en/qom/lehre/ss16-physik-ii/fehleranalyse.pdf, 03.04.22, S. 10)

 

Um zu einem Verständnis des "Ganzen" eines Systems zu kommen, müssen wir bei der Synthese von der untersten Systemebene schrittweise nach oben gehen. Das heißt, wir müssen auch bei den Subsysteme das "Ganze" synthetisieren. Dabei besetzen grundlegende/allgemeine Fragen die Stelle von Subsytemen (ein "Ganzes" hat immer eine allgemeine und eine besondere Seite, siehe oben).

Wie Situationen Systeme analysieren - bei einer Analyse grundlegende Fragen beantworten - www.learn-study-work.org

Das Bild zeigt ein Beispiel, bei dem ein Konflikt in einem Team analysiert werden soll. Um den Konflikt zu verstehen, ist es notwendig die Frage "Was ist Respekt?" beantworten zu können. Um das Wort "Respekt" definieren zu können, muss bekannt sein, wie Begriffe definiert werden. Die Frage "Was ist Respekt?" ist das erste Subsystem des Systems "Konfliktlösung".

 

"Um Probleme im Team zu lösen, muss man seine Mitarbeiter gut kennen ... Dafür brauchen Führungskräfte Psychologiekenntnisse. ... Man unterscheidet ... acht Phasen der Konfliktbearbeitung.

  • In der ersten Phase ermitteln Führungskräfte, wer am Konflikt beteiligt ist...
  • In der zweiten Phase geht es um die exakte Konfliktdefinition ...
  • In der dritten Phase stellen Vorgesetzte die Ursachen des Konflikts fest ...
  • Die vierte Phase dient der Ursachenanalyse ...
  • In der fünften Phase ermitteln Führungskräfte die subjektiven Auffassungen: Wie sehen die Beteiligten die Situation ... " (www.zeit.de/karriere/beruf/2012-03/chefsache-konfliktmanagement , 09.04.22)

Ich würde der Führungskraft raten, sich zuerst an seine Psychologiekenntnisse zu erinnern bzw. diese zu vertiefen durch eine Literaturrecherche zum Thema "Wie Konflikte lösen?".

 

Das "Ganze" der Subsysteme zu synthetisieren ist vielen Menschen zu mühselig. Sie berücksichtigen nur die Kenntnisse, die sie über die Elemente auf der untersten Ebene gewonnen haben. Deshalb ist ihr Verständnis vom "Ganzen" beschränkt und sie kommen nur zu "beschränkten" Schlussfolgerungen.

Wie analysieren? Das Ganze der Subsysteme - www.learn-study-work.org

"Zwei Dinge sind zu unserer Arbeit nötig: Unermüdliche Ausdauer und die Bereitschaft, etwas, in das man viel Zeit und Arbeit gesteckt hat, wieder wegzuwerfen." (Albert Einstein)

 

"Personen mit sehr hohen Werten auf der Gewissenhaftigkeitsskala ... streben nach Genauigkeit und Perfektion bei ihren Aufgaben und überlegen sorgfältig, wenn sie Entscheidungen treffen." (https://hexaco.org/scaledescriptions, 07.02.22)

 

Beispiel Flutkatastrophe:

Das "Ganze" des Subsystems "historische Brücken" ist die Aussage: Diese Brücken können als Staudämme wirken.

Karsten Schwanke sagte: "Er wünsche sich als Meteorologe in solchen Situationen »einen engen Schulterschluss« mit einem Hydrologen oder anderen Experten ..." ((www.spiegel.de/panorama/meteorologe-karsten-schwanke-ueber-flut-im-ahrtal-es-waere-genug-zeit-gewesen-die-leute-da-rauszuholen-a-1d50db69-8636-44d5-942f-d6a392d1ce25, 02.04.22). Ein Hydrologe (Experte für den Wasserkreislauf) und ein Meteorologe (Experte für das Wetter) hätten zusammen wahrscheinlich das notwendige grundlegende Wissen gehabt, um die Flutkatastrophe im Ahrtal vorherzusehen.

 

3. Kurzfassung der Regeln

 

Wer die folgenden Regeln beachtet, für den ist es einfacher, die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Wie Situationen - Systeme analysieren - Regeln beim für das Analysieren eines komplexen Systems- www.learn-study-work.org

Beispiel Ahrtal:

1. Regel

Übergeordnete Frage: Wie kommt es zu einem Hochwasser? Es kommt dazu, wenn viel Wasser zufließt und nicht schnell genug abfließen kann. Subsystem Brücken: Brücken können das Wasser aufstauen, besonders wenn der Wasserdurchfluss verstopft ist. Wichtige Regel: Wenn man nicht verhindern kann, dass viel Wasser zufließt, dann sollte man wenigsten dafür sorgen, dass es schnell abfließen kann.

2. Regel

Normalerweise steigt bei Hochwasser der Wasserspiegel langsam an, wie könnte es zu einer ungünstigen Flutwelle kommen?

3. Regel

Man versetzt sich in die Lage des Wassers und versteht, dass sich eine große Regenwassermenge schnell in der Ahr sammelt und beim Abfließen viele Gegenstände mitreißt, die die Brücken verstopfen können.

 

Schlussfolgerung

Das zweite Hindernis, auf das wir auf dem Weg zur Lösung eines Problems stoßen können, ist ein Mangel an Informationen über die Ausgangssituation, wodurch wir nicht in der Lage sind, diese vollständig zu verstehen. Dieses Hindernis können wir mit Hilfe einer Analyse überwinden oder wir erkennen, dass das Problem (im Moment) nicht zu lösen ist.

 

Gehen Sie zum nächsten Schritt des Problemlösungsprozesses:

Wie Ziele und Anforderungen setzen?